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Category Archives: Wissen

Der Vater des Schneeballs

Charles-Ponzi-nachgezeichnetLandshut, 03.09.2015 – Anlagebetrug ist allgegenwärtig. Allein im Jahr 2013 untersuchten die deutschen Staatsanwaltschaften bereits zwei große Fälle mit Großrazzien mit Schwerpunkt Frankfurt und Dresden. Der vermutete Schadenswert für Anleger liegt zusammen weit über 500 Millionen Euro. Im Dezember 2013 ging ein Prozess durch die Presse, bei dem die Frau des FC Bayern-Doktors Müller-Wohlfahrt Betrügern aufgesessen ist und voraussichtlich 570.000 Euro verlor. Die Masche: Man versprach eine Rendite von 60 Prozent durch Rohstoffspekulationen.

Finanzbetrug und die entsprechenden Gegenmaßnahmen in Form der Finanzforensik sind so alt wie das Thema Geld selbst. Früher wurde „nur“ zum Beispiel bei Goldmünzen minderwertiges Metall beigemischt. Aber mit der zunehmenden Komplexität der Finanzwelt wurden auch die Betrügereien schwieriger zu entlarven.

Das zeigt das erste Beispiel von Charles Ponzi (1882 bis 1949) aus unserer Serie Finanzforensik:
Ponzi war ein italienischer Einwanderer, der den Überlieferungen nach mit nur 2,50 Dollar in Kanada 1903 ankam. Nach ersten Konflikten mit der Justiz siedelte er nach Boston um. Ende 1919 war es dann soweit: Er gründete die „Old Colony Foreign Exchange Company“. Das Geschäftsmodell sollte der Handel mit Bezugskupons für internationale Post-Antwortscheine sein. Die Idee war, dass der Rückkauf der zunächst an die Währungen Europas gekoppelten Rückportokupons durch den Währungsverlust nach dem ersten Weltkrieg zum Bruchteil des in den USA üblichen Preises möglich wäre.

Verbunden war die Geschäftsidee mit einem Renditeversprechen von 50 Prozent innerhalb von 45 Tagen. Anstatt aber vorsichtig beziehungsweise misstrauisch zu werden, überschwemmten Anleger Ponzi mit Geld. Dieser hielt sich aber gar nicht mehr mit der Investition in die Rückportokupons auf, sondern zahlte die Zinsen an die bisherigen Anleger aus dem „frischen“ Geld der neuen Anleger. Heute wird diese Art von Betrug Schneeballsystem genannt. Im Angelsächsischen hat sich der Begriff „Ponzi-Scheme“ dafür eingebürgert, und so wurde Charles Ponzis zweifelhafter Ruhm als krimineller Erfinder des Schneeballsystems zementiert.

Ein Journalist der „Boston Post“ hatte mit gesundem Menschenverstand einmal nachgerechnet und in einem Zeitungsbericht Zweifel angemeldet, dass das System rechnerisch funktionieren könne. Die Folge zeichnete sich im Juli 1920 ab. Erste Anleger forderten ihr Geld zurück, und eine Buchprüfung wurde angeordnet. Damit brach das System zusammen. Etwa 40.000 Anleger verloren weitgehend ihr Geld, denn von 15 Millionen US-Dollar waren nur noch 1,5 Millionen da. In etwa entspräche dieser Schaden heute 150 Millionen Dollar. Nach einer Haftstrafe und weiteren Betrügereien wurde er 1934 nach Italien abgeschoben. – Edmund Pelikan
Kurzinfo zum Betrugsfall Charles Ponzi:

Zeitraum:
1919/1920

Betrugsart:
Schneeballsystem

Masche zur Manipulation:
Exorbitant überhöhte Rendite

Anlegerpsychologie:
Aktivierung von Gier beim Anleger

Kritische Fragen zur Vermeidung:
– Wie kommt diese Rendite zustande?
– Worin wird investiert?
– Kommen die „Zinsen“ oder „Ausschüttungen“ aus Ertrag?
– Wo liegen die Risiken?
– Welche Sicherheiten werden geboten?

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Von den Goldenen Zwanzigern direkt in die Krise

Oldtimer_Kletr_bea_alt_farbeLandshut, 03.09.2015 – Der Begriff „Goldene Zwanziger“ bezieht sich auf den Zeitabschnitt zwischen 1924 und 1929. Veranschaulicht wird der wirtschaftliche Aufschwung der weltweiten Konjunktur und steht außerdem für eine Blütezeit der deutschen Kunst, Kultur und Wissenschaft. Das Ende der Goldenen Jahre kam mit der Weltwirtschaftskrise 1929.

Entwicklung ging von den USA aus. Die Unterhaltungsindustrie wuchs, Konzerte, Kino und Theater sowie Luxusgüter wie z. B. Autos wurden billiger und somit für jeden erschwinglich. Musik wie Klassik, Schlager und Jazz erfreuten sich großer Beliebtheit.

Auch Sport füllte die Freizeit der Bevölkerung. Durch Ratenzahlungen wurden die Schuldenprobleme gemindert. Die Frau war zu dieser Zeit in immer mehr Berufen anzutreffen. Die Arbeitszeiten wurden verkürzt, sodass man mehr Zeit für Familie und Kinder hatte, und es entstand eine neue Lust zu leben, jedoch auch nur für die Ober- und Mittelschicht. Die sozial Benachteiligten lebten auch in den Zwanzigern in Not und Armut.

Nach diesem anfänglichen Wohlstand traf Deutschland die Wirtschaftskrise. Grund dafür waren unter anderem die instabile Währung sowie die hohen Reparationszahlungen, die geleistet werden mussten. Dies war nur durch Aufnahme von Krediten möglich, die man aber nicht zurückzahlen konnte. Vor allem stellten die kurzfristigen Kredite ein großes Problem dar, da sie innerhalb von drei Monaten zurückgezahlt werden mussten. Bis 1929 wurden diese aber regelmäßig verlängert. Auch das Warenangebot überstieg immer mehr die Nachfrage. Die Krise in Deutschland machte sich auch im Ausland bemerkbar. Vor allem in den USA, wo es am 29. Oktober 1929 zum Börsencrash kam.

Die Warnsignale für die weitere Entwicklung der Krise wurden zwar wahrgenommen, blieben jedoch vorerst unberücksichtigt. In den Zwanziger Jahren stieg der Dow Jones auf bis zu 331 Punkten (1923 lag er bei 100 Punkten). Man glaubte an einen ewigen Wohlstand. Aufgrund dieser Fehleinschätzung spekulierten neben den Großanlegern und den Firmen auch etliche Kleinanleger, die viel riskierten. Millionen Menschen nahmen kurzfristig hohe Kredite auf, um sich davon Aktien zu kaufen. Diese erhofften sich, alles mit dem daraus fließenden Gewinnen zurückzahlen zu können. Die jetzt existierende Börsenaufsicht und die entsprechenden Gesetze gab es zu dieser Zeit noch nicht. Heutzutage wird der Handel beispielsweise bei einem Kursabsturz bestimmter Aktien kurzzeitig gestoppt, um die Lage stabilisieren zu können. Warnungen, die im Vorfeld stattfanden, wurden als Schwarzmalerei abgetan. Dementsprechend wurde noch am 16. Oktober verkündet, dass der Höhenflug der Aktienkurse weiterhin bestehen bleiben wird. Erst als der Dow Jones innerhalb von drei Tagen deutlich niedriger wurde, brach Nervosität aus. Das Risiko, das man eingegangen ist, war nicht mehr zu vertreten. Bis zum 19. Oktober hatte der Dow Jones 15 Prozent verloren. Banken und Investmentfirmen begannen mit Stützungskäufen (=nicht auf Gewinn zielende Anlage, dient der Stabilisierung des betreffenden Marktes). Die Kleinanleger gingen es vorerst noch gelassen an. Die Kurse lagen zu diesem Zeitpunkt noch auf hohem Niveau, setzten jedoch immer weiter zurück. Es folgte eine Woche voll Hektik und Angst.

Am 24. Oktober 1929 begann der Handel erst ruhig, was sich gegen 11 Uhr schlagartig und ohne erkennbaren Auslöser änderte. Vermutet wird jedoch, dass der Rückzug der britischen Investitionen an der Wall Street, durch den Bankrott des Londoner Spekulanten Clarence Hatry, ausschlaggebend war. Als die europäischen Börsen davon erfuhren, reagierten diese zunächst optimistisch, da sie erwarteten, dass die amerikanischen Kreditgeber künftig ihr Geld wieder nach Europa verleihen würden, anstatt es an der Wall Street zu investieren. In den kommenden Tagen stürzten die Kurse immer rasanter bis zum endgültigen Crash – den Schwarzen Freitag. Viele Anleger blieben hoch verschuldet zurück, zudem mussten einige Firmen Bankrott anmelden. Das Ganze führte zu Massenentlassungen. In Europa brachen die Aktienmärkte ebenfalls zusammen. Gravierend war die Tatsache, dass viele Länder noch Schulden gegenüber den USA hatten und diese ihr Geld zurückzogen. Die Weltwirtschaftskrise setzte ein. Die Deutschen traf es am härtesten, da sie nicht nur hoch verschuldet waren, sondern auch durch die darauf folgende Sparpolitik mit einer Deflation zu kämpfen hatten. Um zukünftig einen derartigen Börsencrash zu vermeiden, richtete der Kongress einen Untersuchungsausschuss ein, der neue Handelsregelungen aufstellte.

In letzter Zeit machen immer mehr Gerüchte um einen bevorstehenden Börsencrash die Runde. Grund dafür sind etliche Parallelen, die man bei der Gegenüberstellung zum Schwarzen Freitag erschließen kann. Laut einer Grafik (Chart of Doom) verlaufen die Kurse fast schon identisch zu denen am Black Friday, das Einzige, was noch fehle, sei der rasante Absturz. Zudem werden jetzt, wie damals, diese Schocknachrichten als Schwarzmalerei abgetan. Die Krim-Krise sowie die Konjunkturprobleme in China, die langfristig als bedrohlich angesehen werden, beeindrucken nur die wenigsten. Ein weiterer Punkt ist, dass Russlands Leitindex RTS auf den tiefsten Stand seit vier Jahren steht, was bedeutet, dass hiervon eine gravierende Weltwirtschaftskrise ausgehen könnte, sobald Russland keine Schulden mehr begleichen wird. Noch eine Gemeinsamkeit sei auch die Neigung zu spekulieren. Experten sind sich jedoch einig, dass keine neue Krise von Amerika ausgehen würde. Das Land sei, dank billiger Energie, auf den besten Weg der Reindustrialisierung und gebe der Weltwirtschaft neue Impulse. Außerdem sei die Skala der Grafik so angepasst worden, dass sie wirklich der von 1929 ähnlich sei. Wenn man sich jedoch die unterschiedlichen Voraussetzungen ansieht, bricht diese Parallele zusammen. Damals hatte die US-Notenbank den Leitzins angehoben und damit das Geld verteuert, um der Spekulationswut entgegenzuwirken – was heute nicht der Fall ist. Der jetzige Leitzins liegt bei 0,25 Prozent und wird vorerst auch dabei belassen. Dadurch können zum Beispiel günstige Kredite vergeben werden. Ein weiterer Unterschied zu damals ist, dass die Spekulation an der Börse noch keine breiten Bevölkerungsschichten erfasst hat. Außer in den USA, wo 50 Prozent der Erwachsenen eine indirekte (z. B. Fonds) oder direkte Aktie besitzen. In Europa sei die Börseneuphorie gering. In Deutschland sind nicht mal zehn Prozent der Menschen an Aktien interessiert. Durch die Erfahrungen der Vergangenheit wie z. B. die T-Aktie (damaliger Wert: 120-130€; Jetztwert: ca. 10 Euro) erhofft sich kaum einer mehr, das schnelle Geld an der Börse zu verdienen und damit Reichtum zu ergattern.

Als Fazit betrachte ich das Ganze als ein ständiges Auf und Ab und glaube nicht daran, dass der ganze Wirbel sich bewahrheiten wird. Heute verfügen wir über Gesetze, die in Krisenfälle die Börsen vor einen 1929-Crash bewahren können. – Bianca Buzzi, Schülerredakteurin

 

„Chart of Doom“

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