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Landshut, 15.10.2015 – Überall, ist die einfache Antwort! Ein entscheidender Faktor in der Welt der Finanzen ist die Psychologie. Und das gilt nicht nur an der Börse. Im Folgenden stellen wir Situationen dar, die als Experimente in der Verhaltensökonomie aufgezeigt werden, aber auch in der Wirklichkeit auf die Beeinflussbarkeit setzen!

Beispiel 1: Die Patronatserklärung für Spareinlagen der Bundeskanzlerin im Jahr 2008:
Am Beginn der aktuellen Finanzkrise trat im September 2008 Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr damaliger Finanzminister Peer Steinbrück in der Nacht nach dem Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers und vor Börsenöffnung nach dem Wochenende vor die Presse. Die Botschaft: Die Spareinlagen der deutschen Sparer auf deutschen Banken sind sicher. Es gab davor keinen Kabinettsbeschluss, keine Bundestagssitzung, keine Sitzung der Verfassungsorgane. Diese Erklärung schwebt bis heute im rechtsfreien Raum. Das Ziel dieser Erklärung: Unsicherheit bei den deutschen Sparern zu vermeiden, damit diese nicht in Panik ihr ganzes Geld von ihren Bankkonten holen.

Die Fakten dazu: Zum damaligen Zeitpunkt hatten die Anleger rund 1,7 Billionen Euro auf ihren Sparkonten liegen. Das ist ein Einser mit 12 Stellen danach. Der Bundeshaushalt lag damals bei rund 300 Milliarden Euro – also knapp 1/6 dieser Summe. Und seit Jahren reicht dieses jährliche Geld nicht für die Kosten, die der Bund verursacht, aus. Und seit Jahrzehnten hat der Bund keinen Cent an Schulden zurückgezahlt.

Das bedeutet: Wahrscheinlich war die Aussage der Kanzlerin nicht den Briefbogen wert, worauf der Satz stand. Aber: Psychologisch hatte sie genau das Richtige gemacht. Sie erzeugte Sicherheit allein durch das gesprochene Wort. Und überzeugte die Menschen, obwohl sie nie das Versprechen hätte einlösen können.

Beispiel 2: Wirkung von Lügen nach Dan Ariely
Wir stellen uns ein Klassenzimmer vor, und dort wird ein Fragebogen verteilt. Die Klasse hat nun 20 Minuten Zeit und muss Frage beantworten. Danach wird abgegeben, und es wird statistisch festgestellt, wie viel Fragen der Durchschnitt der Probanden in dieser Zeit und unter diesen Bedingungen richtig beantwortet hat. Wir nehmen jetzt an, dass es im Durchschnitt 20 richtige Antworten sind. Für jede durch ein Aufsichtsteam kontrollierte korrekte Anwort erhalten die Versuchspersonen einen Euro.

Diesen Basisversuch hat der Verhaltensökonom Dan Ariely nun variiert:

1. Abwandlung: Der Versuch wird in einem anderen Klassenzimmer wie oben durchgeführt, nur dass die Probanden nach dem Testende und nach eigener Kontrolle die Fragebögen durch einen Reißwolf vernichteten. Trotzdem sollten sie dem Kontrollpersonal die Anzahl der richtigen Fragen nennen und bekamen anstandslos ihr Geld. Die Folge war, dass im Durchschnitt die Testpersonen etwa zehn Prozent mehr richtige Fragen angaben, also rund 22. Daraus ist abzulesen, dass bei fehlender Kontrolle ein bisschen geschummelt wird.

2. Abwandlung: Der Versuch wird in einem weiteren Klassenzimmer wie bei der 1. Abwandlung durchgeführt, also ohne Kontrolle und mit Reißwolf, aber mit einer entscheidenden Ergänzung. Nach nur fünf Minuten springt eine eingeweihte Testperson auf, ruft „ich habe alles richtig“, vernichtet den Fragebogen im Reißwolf und bekommt problemlos den vollen Betrag ausbezahlt. Die Folge: Viele Probanden logen deutlich mehr und gaben deutlich höhere Quoten als richtige Antworten an. Durch die offensichtliche Lüge des einen, der damit auch durchkam, sahen sie kein Problem darin, auch deutlich häufiger und extremer zu lügen.
Das große Fazit von Dan Ariely: Wenn Lügen gesellschaftsfähiger sind, werden mehr Menschen dazu greifen. Das ist die Herausforderung einer psychologisch ausgerichteten Finanzpolitik für eine gerechtere Steuerpolitik oder einen gerechteren Sozialstaat!

Psychologie ist allgegenwärtig. Viele Annahmen sind wegen einer Fixierung auf den homo oeconomicus in der heutigen Wirtschaftswissenschaft tatsächlich falsch. Aber nicht alles was falsch ist, ist immer unrichtig. Deshalb ist aber immer das Credo:

Glaube nichts und hinterfrage alles!

Edmund Pelikan