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Category Archives: Debatte

Nachhaltig aus der Krise mit ökonomischer Bildung – Jetzt erst recht!

Berlin, 15. Juni 2020 (OPM):

  • In der Schule darf es nach Aufhebung des Corona-Lockdowns keine Rückkehr zum „Business as usual“ geben
  • Bündnis Ökonomische Bildung Deutschland (BÖB) fordert bessere Vermittlung von wirtschaftlichen Zusammenhängen
  • Chancen der Digitalisierung müssen jetzt für längst überfällige Ergänzung der Lehrinhalte genutzt werden

Wenige Monate nach Gründung des Bündnisses Ökonomische Bildung Deutschland (BÖB) zeigt sich durch die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie erneut, wie wichtig das Wissen um wirtschaftliche Zusammenhänge in unserer Gesellschaft ist. Um die gesellschaftlichen und individuellen Folgen der Krise abzumildern, Eigenverantwortung und Chancengleichheit ebenso wie die Legitimität wirtschaftspolitischer Maßnahmen zu stärken, muss ökonomische Bildung jetzt verpflichtender Bestandteil der Bildung und Ausbildung aller jungen Menschen werden. Die von der Pandemie erzwungene Beschleunigung der Digitalisierung der Schulen bietet hierzu eine historische Chance.
Die von der Corona-Pandemie erzwungene Beschleunigung der Digitalisierung im Bereich der Schule muss dringend auch zur Modernisierung der Lerninhalte genutzt werden. Insbesondere eine Stärkung der ökonomischen Bildung ist dabei wichtig, angebracht und zeitgemäß.
Diese Forderung richtet das von über 70 Institutionen aus Schule, Wissenschaft und Wirtschaft getragene Bündnis Ökonomische Bildung Deutschland (BÖB) anlässlich der Wiederaufnahme des Schulbetriebs im Sommer 2020 an die zuständigen Ministerien aller Bundesländer.
Unternehmertum und Selbstverantwortung müssen als Konjunkturmotor angesehen werden, um die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie abzumildern. Der Weg in die Selbstständigkeit könnte für viele eine Möglichkeit sein, wenn sie über wirtschaftliches Hintergrundwissen verfügen würden. Subventionen und Sozialleistungen, die durch die Krise erforderlich werden, entspringen ökonomischen Grundsätzen der Sozialen Marktwirtschaft und müssen von Bürgerinnen und Bürgern vor dem Hintergrund von wirtschaftlicher Stärke, Stabilität und Nachhaltigkeit beurteilt werden können.
Dazu Jürgen Böhm, Bundesvorsitzender des Verbandes Deutscher Realschullehrer: „Die aktuelle wirtschaftliche Situation, wie sie durch die Pandemie verursacht wurde, ist nicht nur eine bis dato unvorstellbare Belastung für die Gesellschaft und das Gesundheitssystem. Sie ist auch mit enormen wirtschaftlichen Herausforderungen verbunden. Deswegen müssen fachlich ausgebildete Lehrkräfte den Heranwachsenden heute mehr denn je vermitteln, wie Wirtschaft, Gesellschaft und persönliche Entwicklung zusammenhängen und zusammenwirken.“
Den Zusammenhang zwischen der Krise und der Notwendigkeit einer besseren ökonomischen Bildung unterstreicht Dirk Loerwald, Professor für Ökonomische Bildung an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und Geschäftsführer des Instituts für Ökonomische Bildung an der Universität Oldenburg:

„Mit dem aktuell geschnürten Konjunkturpaket der Bundesregierung tun sich Themen und Inhalte auf, die für viele Bürger schwer durchschaubar sind und die die Komplexität der sozialstaatlichen und ökonomischen Zusammenhänge offenbaren. Es bedarf einer gewissen gesamtwirtschaftlichen Grundbildung, um diese Maßnahmen und ihre langfristigen Auswirkungen verstehen zu können.“
Nicht zuletzt verdeutlicht die Krise, wie irrational manche Verbraucherentscheidungen getroffen werden. Exzessive Hamsterkäufe von Alltagswaren, übermäßig zunehmende Onlinekäufe und damit verbundene verschwenderische Ausgaben zeigen, wie wenig das eigene Tun in einer Krisenzeit hinterfragt wird. Vor allem für Jugendliche wären ein kompetenter Umgang mit dem eigenen Geld, individuelle Absicherung von Lebensrisiken und ein vernünftiges Verbraucherverhalten wichtig.
Dazu Verena von Hugo, Vorstand der Flossbach von Storch Stiftung: „Um als aufgeklärter Mensch ein Leben in Unabhängigkeit führen zu können, braucht man auch fundierte Wirtschaftskenntnisse. Es gilt ökonomische Zusammenhänge zu erfassen, die aus der Krise erwachsenden Herausforderungen besser zu meistern und sich bietende Chancen zu nutzen.“

Quelle: Bündnis Ökonomische Bildung

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So viel Corona-Hilfe erhalten Die EU-Staaten

von René Bocksch, 29.05.2020

Die Europäische Union plant ein 750 Milliarden Euro Hilfspaket für die wirtschaftliche Erholung der Mitgliedsstaaten nach der Corona-Pandemie. Die Höhe der Zuschüsse soll mit 500 Milliarden Euro dem Vorschlag von Merkel und Macron entsprechen. Hinzu kommen weitere 250 Milliarden Euro an verfügbaren Darlehen. Die Statista-Grafik zeigt, wie sich die direkten Zuschüsse auf die einzelnen Länder verteilen.

Italien und Spanien sind in Europa besonders schwer von der Corona-Krise betroffen und sollen demnach den größten Anteil der Hilfe bekommen – Italien erhält etwa 82 Milliarden und Spanien 77 Milliarden Euro. Deutschland wird mit knapp 29 Milliarden Euro verhältnismäßig wenig zugesprochen, vor allem weil die Bundesrepublik die Corona-Pandemie derzeit in wirtschaftlicher Hinsicht vergleichsweise gut bewältigt.

Bedingung für das Hilfspaket ist die ausnahmslose Zustimmung aller EU-Mitgliedsstaaten, die Kosten der Maßnahme würden mit dem Haushalt der kommenden Jahre verrechnet werden. Bei schneller Einigung sollen die ersten Gelder schon ab September dieses Jahres ausgeschüttet werden.

© Statista

Quelle: René Bocksch, https://de.statista.com/infografik/21853/geplante-corona-zuschuesse-der-eu/

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Gothaer Anlegerstudie 2020: Frauen machen sich stark für Nachhaltigkeit

© pixabay

Köln, 27. April 2020 – Geld ist Geld? Nicht für jeden. Denn nicht nur, wofür es ausgegeben wird, ist sehr unterschiedlich. Auch bei der Frage, wie es angelegt wird, gibt es große Unterschiede, beispielsweise zwischen den Geschlechtern. 47 Prozent der deutschen Frauen messen dem Klima- und Umweltschutz bei der Geldanlage die größte Bedeutung zu. Bei der Investitionsbereitschaft in nachhaltige Geldanlagen liegen die Männer mit 57 Prozent vorn. Zudem haben Frauen bei der Geldanlage ein höheres Sicherheitsbedürfnis (55 Prozent) als Männer (48 Prozent).

Das sind einige Ergebnisse einer repräsentativen Studie zum Anlageverhalten der Deutschen, die die Gothaer Asset Management AG (GoAM) von der forsa Politik- und Sozialforschung im Januar 2020 bereits zum elften Mal durchführen ließ.

Umwelt- und Klimaschutz bei der Geldanlage ist vor allem bei Frauen ein Thema

Das Bewusstsein für Umwelt- und Klimaschutz ist bei Frauen besonders ausgeprägt. Auf die Frage, welche Facette von Nachhaltigkeit – Umwelt- und Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit oder verantwortungsvolle Unternehmensführung – ihnen am wichtigsten sei, nannten 47 Prozent der deutschen Frauen den Umwelt- und Klimaschutz. Die Männer liegen mit knapp sechs Prozentpunkten dahinter (41 Prozent). Jeweils 28 Prozent der deutschen Frauen und Männer messen bei der Geldanlage der sozialen Gerechtigkeit die zweitgrößte Bedeutung zu. Eine verantwortungsvolle Unternehmensführung ist nur 22 Prozent der befragten Frauen am wichtigsten. Die Männer liegen dabei mit vier Prozentpunkten mehr weiter vorne (26 Prozent).

Auch wenn das Thema Nachhaltigkeit bei den befragten Frauen hoch im Kurs steht, sind sie bei der Investition in nachhaltige Geldanlagen etwas zurückhaltender als Männer. Die Hälfte der weiblichen Befragten wäre bereit, zugunsten der Nachhaltigkeit auf Rendite zu verzichten, bei den Männern sind es 57 Prozent. Zusammengefasst: 47 Prozent der Frauen sehen Umwelt- und Klimaschutz als wichtigste Facette von Nachhaltigkeit. Noch mehr, nämlich 50 Prozent, sind bereit trotz geringerer in nachhaltige Geldanlagen Rendite zu investieren.

Insgesamt investieren derzeit erst sechs Prozent der Deutschen in nachhaltige Fonds. „Aus den Ergebnissen unserer Befragung lässt sich aber ein neuer Zukunftstrend bei der Geldanlage ablesen, der wahrscheinlich mit der politischen Debatte zum Klimawandel in den letzten Monaten zusammenhängt. Besonders für Frauen hat der Umwelt- und Klimaschutz offensichtlich einen hohen Stellenwert, die Hälfte von ihnen ist sogar bereit in nachhaltige Geldanlagen zu investieren, wenn sie dafür auf eine höhere Rendite verzichten müssten“, erläutert Carmen Daub, Fondsmanagerin bei der Gothaer Asset Management AG.

Für Frauen steht die Sicherheit der Geldanlage an erster Stelle

Wie legen die Deutschen ihr Geld an? Nach wie vor ist das Sparbuch mit aktuell 48 Prozent die erste Wahl. Bei den Frauen sind es sogar 50 Prozent, die diese Form der Geldanlage nutzen (2019: 49 Prozent). Auch bei den männlichen Befragten steht das Sparbuch mit 46 Prozent an erster Stelle (2019: 47 Prozent). Auf Platz zwei rangieren Immobilien mit 32 Prozent, allerdings sind Frauen hier mit 29 Prozent deutlich zurückhaltender als Männer (35 Prozent).

Wie legen die Deutschen ihr Geld an? Nach wie vor ist das Sparbuch mit aktuell 48 Prozent die erste Wahl. Bei den Frauen sind es sogar 50 Prozent, die diese Form der Geldanlage nutzen (2019: 49 Prozent). Auch bei den männlichen Befragten steht das Sparbuch mit 46 Prozent an erster Stelle (2019: 47 Prozent). Auf Platz zwei rangieren Immobilien mit 32 Prozent, allerdings sind Frauen hier mit 29 Prozent deutlich zurückhaltender als Männer (35 Prozent).

Frauen setzten stattdessen eher auf (Kapital-)Lebensversicherungen, im Vergleich zum Vorjahr ist hier bei den Frauen (32 Prozent) ein leichter Anstieg zu verzeichnen (2019: 30 Prozent).

Doch warum sind besonders das Sparbuch und Lebensversicherung eine so beliebte Geldanlage bei den Deutschen? Es ist der Wunsch nach Sicherheit. Insgesamt messen 55 Prozent der befragten Frauen und 48 Prozent der Männer der Sicherheit der Geldanlage die größte Bedeutung zu. Allerdings ist dieser Wert im Vergleich zum Vorjahr etwas gesunken: 2019 sprachen sich noch 60 Prozent der Frauen und 53 Prozent der Männer für die Sicherheit als wichtigsten Aspekt aus.

Flexibilität in der Anlage spielt jeweils für 31 Prozent der Frauen und Männer die wichtigste Rolle (2019: 29 Prozent). Der größte Unterschied zwischen den Geschlechtern zeigt sich aber beim Thema Rendite: Während die Rendite für 15 Prozent der männlichen Befragten ein wichtiges Kriterium ist (2019: 12 Prozent), ist sie nur für fünf Prozent der befragten Frauen ausschlaggebend (2019: 6 Prozent).

Quelle: Gothaer (Pressemitteilung vom 27.04.2020)

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Beispiellose Veränderungen, die zu einer neuen globalen Gesellschaft führen

© Shutterstock

von Alexander Roose, CIO Fundamental Equity bei DPAM

Seit den am 23. März erreichten Tiefstständen haben sich die Aktienmärkte um rund 20% erholt, was auf das Rebalancing der Portfolios von Pensionsfonds und das verlangsamte Wachstum der Infektionsraten in den zuerst betroffenen EU-Ländern zurückzuführen ist. Auch die Anleihenmärkte sind wieder auf die Beine gekommen. Unternehmen refinanzieren ihre bestehenden Schulden auf den US-Märkten für Unternehmensanleihen in rasantem Tempo. Ausschlaggebend dafür war die Ankündigung der Fed, 30 Milliarden US-Dollar an Eigenkapital aus dem ‚Exchange Stabilization Fund‘ (ESF) des Finanzministeriums einzusetzen, um Unternehmensanleihen mit Investment-Grade-Rating zu kaufen. Zuletzt hatten wir betont, dass der direkte Ankauf von Unternehmensanleihen durch die Fed von größter Bedeutung ist, um sicherzustellen, dass die Liquiditätskrise nicht zu einer ausgewachsenen Bonitätskrise führt. Experten sind sich immer noch im Unklaren, ob die Fed auch die Finanzierungskosten für High-Yield-Emittenten senken sollte. Allerdings könnte dies einen gefährlichen Präzedenzfall und auch ein moralisches Risiko schaffen.
Darüber hinaus ist die Fed nun dem Weg der japanischen Notenbank gefolgt, indem sie die Grenzen zwischen Geld- und Fiskalpolitik verwischt und einen Teil des zwei Billionen USD schweren Pakets des
‚Coronavirus Aid, Relief and Economic Security (CARES) Act‘ direkt finanziert und mehr als 450 Milliarden USD an Eigenkapital aus dem ESF freigibt. Das CARES-Gesetz richtet sich mit Direktzahlungen hauptsächlich an Einzelpersonen/Familien mit mittlerem Einkommen (30% des Pakets) sowie an große (25%) und kleine
(19%) Unternehmen. In den USA ist zudem von einem zusätzlichen Wirtschaftspaket von insgesamt einer Billion USD die Rede, das auf Infrastrukturinvestitionen abzielt. In Europa sind die auf nationaler Ebene ergriffenen fiskalischen Maßnahmen von beeindruckender Größenordnung (in % des BIP), auch wenn sie in den einzelnen EU-Ländern sehr unterschiedlich ausfallen. Wie in den USA übertreffen sie bei weitem die während und nach der Großen Finanzkrise (GFC) unternommenen Anstrengungen.
Die Achillesferse des europäischen Projekts bleibt der Mangel an fiskalischer Solidarität. Zwar befürwortet die Mehrheit der EU-Mitglieder die Ausgabe von speziellen ‚Corona-Anleihen‘, während andere
(Deutschland, Österreich und die Niederlande) lieber den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) nutzen würden, der ihrer Ansicht nach zu diesem Zweck geschaffen wurde. Wie so oft erwarten wir am Ende einen Kompromiss der EU-Finanzminister, um ein Finanzpaket für die gesamte Eurozone umzusetzen. Das Gefühl der Dringlichkeit ist groß, und alle EU-Mitglieder sollten sich bewusst sein, dass die Last der Covid-19-Krise von allen gleichermaßen getragen werden sollte. Dies ist ein entscheidender Moment für das
‘europäische Projekt’.
Zusätzlich zu diesen weltweit durchgeführten ‚Whatever it takes‘-Maßnahmen wurden zunehmend Aktionspläne für eine räumliche Distanzierung sozialer Kontakte ausgearbeitet. Es gibt mittlerweile ermutigende Anzeichen dafür, dass die Epidemie in einigen Ländern unter Kontrolle kommt. Bedeutet dies, dass wir unsere frühere Empfehlung „Zu spät, um Aktien zu verkaufen“ zugunsten von „Zeit, um Aktien zu kaufen“ aufgeben? Nein, noch nicht ganz, denn wir gehen davon aus, dass wir noch nicht über den Berg sind, und zwar aus folgenden Gründen:
Selbst wenn die Märkte beginnen, ihre Aufmerksamkeit auf Ausstiegsstrategien aus dem Lockdown zu lenken (Österreich hat als erstes Land einen Normalisierungsprozess eingeleitet), erwarten wir, dass diese sehr allmählich und maßvoll erfolgen, da Epidemiologen vor dem Risiko einer zweiten Welle der Krankheit im Herbst und dem Risiko eines Re-Imports des Virus bei Aufhebung der Reisebeschränkungen warnen.
• Die wirtschaftlichen Schäden sind beispiellos. Da die Berichtssaison für das erste Quartal vor der Tür steht, könnte bald mehr Klarheit über die tatsächlichen schlimmen Auswirkungen dieser Krise auf Unternehmensgewinne und -verluste bzw. die Bilanzen der Unternehmen bestehen und die Marktteilnehmer dementsprechend zu einer vorsichtigeren Haltung veranlassen.
• Positiv ist zu vermerken, dass sich die Krankenhauseinweisungen in New York früher als erwartet verlangsamt haben. Angesichts unzureichender landesweiter Sperrmaßnahmen muss allerdings angenommen werden, dass die Entwicklung in New York nicht repräsentativ für die gesamten USA ist.
• Das Verbrauchervertrauen wird aufgrund der gleichzeitigen Wirkung steigender Gesundheitskosten und einer geringeren Kaufkraft, letztere vor allem verursacht durch die schwere Rezession im beschäftigungsintensiven Dienstleistungssektor, stark beeinträchtigt werden. Daher erwarten wir, dass sich die Verbraucher beim Konsum weiterhin zurückhalten werden, sobald die Sperren aufgehoben sind.
• Viele Bereiche stehen unter spürbarem Stress, wie der Markt für High-Yield-Anleihen oder die Währungen der Schwellenländer. Ohne eine umfassende Vereinbarung zwischen den OPEC-Mitgliedern und den USA über eine Drosselung der Ölförderung könnten hochverzinsliche Anleihen des Energiesektors im Wert von über 100 Milliarden US-Dollar stark unter Druck geraten.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wir keine V-förmige, aber eine möglicherweise U-förmige Erholung erwarten. Wir schließen uns nicht den Ansichten einiger Strategen an, die Parallelen zur GFC ziehen. Wie bereits in früheren Stellungnahmen erwähnt, ist diese Krise nicht systemischer Natur, die Banken sind besser kapitalisiert, und die zuständigen Behörden sind mit ihrer Geld- und Fiskalpolitik stärker am Ball. Was die Bewertungen anbelangt, dürften die Kurs-Gewinn-Multiplikatoren am Tiefpunkt des Marktes, der hoffentlich hinter uns liegt, im Vergleich zu 2008/09 höher sein aufgrund des bedeutenden Unterschieds bei den realen Anleiherenditen.
Um es auf den Punkt zu bringen: Die Covid-19-Krise ist der Katalysator für die Einleitung einer radikalen Fiskalpolitik, die sich an der linksgerichteten Politik in der westlichen Welt orientiert. Und es könnte noch mehr davon auf den Weg gebracht werden. Unkonventionelle fiskalische Maßnahmen könnten dazu beitragen, die wachsende Ungleichheit zu bewältigen, ein Phänomen, das teilweise durch die Inflation der Vermögenspreise nach der GFC verstärkt wurde, als die quantitative Lockerung zu einem dauerhaften geldpolitischen Instrument wurde. Aktuell werden immer mehr Aktienrückkäufe und Dividendenzahlungen zurückgestellt, da der gesellschaftliche Druck zunimmt, Unternehmens-Cashflows von den Aktionären abzuziehen. Und dabei wird es wahrscheinlich nicht bleiben.
Auch Steuergerechtigkeit und gerechte Bezahlung von Arbeitnehmern sind politische Themen, die eine breitere Unterstützung finden werden. Einerseits werden die Regierungen das durch die Auswirkungen der Covid-19-Krise entstandene Steuerloch durch höhere Unternehmenssteuern stopfen. Auf der anderen Seite werden sie die Ausgaben im Gesundheitswesen erhöhen, um künftige medizinische Notfälle besser bewältigen zu können. Somit wird die Rolle der Regierungen wichtiger werden. Bei der Investition in Unternehmen muss diese Dynamik bei der Titelauswahl sowohl aus fundamentalen als auch aus Nachhaltigkeitsgründen längerfristig berücksichtigt werden. Hier liegt die Chance für aktive, nachhaltige und research-orientierte Vermögensverwalter wie DPAM.

Quelle: Degroof Petercam Asset Management S.A.

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IWF-Prognose Corona zwingt die Weltwirtschaft in die Knie

von Matthias Janson,   15.04.2020

Die globale Wirtschaft wird von der Corona-Pandemie mit voller Wucht getroffen. Wie die Statista-Grafik auf Basis von Daten des Internationalen Währungsfonds (IWF) zeigt, schrumpft das weltweite Bruttoinlandsprodukt im laufenden Jahr im Vergleich zu 2019 schätzungsweise um drei Prozent. Zum Vergleich: in der Finanzkrise 2008/2009 betrug der Rückgang lediglich -0,1 Prozent. Dies verdeutlicht das dramatische Ausmaß der gegenwärtigen Krisensituation. Im direkten Vergleich der drei großen Wirtschaftsblöcke China, USA und der Eurozone müssen die beiden letztgenannten laut IWF mit den stärksten Einbußen rechnen. China darf mit einem kleinen Wachstum rechnen, dass aber nicht ausreichen wird, um die Weltwirtschaft hinreichend zu stimulieren. Ein Lichtblick: für 2021 rechnet der IWF wieder mit einem deutlichen Wachstum des globalen Bruttoinlandsprodukts. Für die Eurozone beträgt das Plus demnach 4,7 Prozent, für China gar 9,2 Prozent.

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Einfache Grundregeln für die Geldanlage

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Die meisten Deutschen vermeiden es, sich mit Finanzfragen zu beschäftigen. Umfragen zufolge gehen sie lieber zum Zahnarzt als zum Bank- oder Finanzberater. Aber auch digitale Angebote rufen wenig Interesse hervor. Doch die Augen vor vermeintlich unangenehmen Realitäten zu verschließen, ist keine Lösung. Schon länger gibt es so gut wie keine Zinsen auf Sparbüchern oder für Anleihen. Parallel lag die Inflation im Februar bei 1,5 Prozent. Damit verlieren die Ersparnisse auf Sparbüchern oder Tagesgeldkonten stetig an Wert. Die Deutschen sparen sich also ärmer, so die Aktion „Finanzwissen für alle“ der Fondsgesellschaften.

Diese drei Grundregeln sollten Sparer bei der Geldanlage beachten: In einem ersten Schritt sollten sich die Anleger zunächst über ihr Sparziel, die geplante Anlagedauer und ihre persönliche Risikoakzeptanz klar werden, bevor sie sich für eine Anlage entscheiden. Die Geldanlagen müssen zu den individuellen Zielen passen. Denn die verschiedenen Sparmöglichkeiten unterscheiden sich hinsichtlich Sicherheit, Liquidität und Rendite. Höhere Renditen sind nur realistisch, wenn Sparer einen längeren Zeithorizont und zwischenzeitliche Wertschwankungen akzeptieren. Wer beispielsweise langfristig denkt und Wertschwankungen verkraftet, kann in Aktienfonds investieren. Sparer, die dagegen risikoscheuer sind, benötigen wertstabilere Anlagen. Der Sparer kann zusammen mit einem Anlageberater entsprechend seiner Risikobereitschaft eine für ihn geeignete Quote von Anlagen festlegen.

Die zweite Regel betrifft die Anlagedauer. Wer früh anfängt zu sparen, kann mithilfe des Zinseszinseffektes einen soliden Kapitalstock aufbauen. Ein Beispiel: Aus 10.000 Euro werden bei jährlich durchschnittlich fünf Prozent Rendite nach 20 Jahren mehr als 26.000 Euro und nach 40 Jahren bereits rund 70.000 Euro. Es werden also Erträge angesammelt, die sich immer und immer wieder verzinsen. Neben dem Zeitfaktor ist auch die Höhe der Rendite für den Anlageerfolg entscheidend. Kleine Unterschiede wirken auch hier über längere Laufzeiten enorm. Daher ist es besonders für jüngere Sparer sinnvoll, in riskantere und damit höher rentierliche Anlagen wie Aktienfonds zu investieren. Jüngere Sparer haben mehr Zeit, das Geld am Kapitalmarkt für sich arbeiten zu lassen. Zwischenzeitliche Rückschläge an den Märkten können sie besser aussitzen als etwa Rentner, die mit ihren Ersparnissen ihren Lebensabend gestalten wollen.

Die dritte Regel, die Anleger stets beachten sollten, ist: „Lege nicht alle Eier in einen Korb.“ Schon Wirtschaftsnobelpreisträger Harry M. Markowitz plädierte mit dieser Regel auf eine breite Verteilung des Vermögens auf mehrere Anlageklassen oder Wertpapiere. Dabei hat sich in einem ersten Schritt die Faustformel ein Drittel Aktien, ein Drittel Anleihen und ein Drittel Immobilien bewährt. Welche Mischung es genau wird, hängt natürlich von den persönlichen Zielen und der eigenen Lebenssituation ab. Um seine Ersparnisse wirkungsvoll zu schützen, sollten Sparer außerdem nicht nur auf eine Region, z.B. Deutschland, setzen, sondern ihr Geld idealerweise weltweit über verschiedene Anlageklassen investieren.

Quelle: BVI

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Stiftung Finanzbildung ruft das Deutsche Finanzbildungsforum ins Leben

Landshut, April 2020 ( epk media): In Bayern hat sich die Stiftung Finanzbildung bereits einen Namen durch den alljährlichen Wettbewerb „Jugend wirtschaftet!“ an Gymnasien, Fachoberschulen und Berufsoberschulen. Inzwischen ist die gemeinnützige Landshuter Stiftung gUG auch dem bundesweiten Bündnis ökonomischer Bildung beigetreten, dass sich im Dezember 2019 gegründet hat.
Neben individuellen Workshops in Schulen und finanzökonomischen Streitschriften wird die Stiftung 2020 ein weiteres Herzensprojekt des Gründers und Gesschäftsführers aus der Taufe heben: Das Deutsche Finanzbildungsforum. Dieser Start ist auch durch eine erstmals größeren Spende eines Finanzintermediärs erleichtert worden, der anstatt Weihnachtsgeschenke an seine Kunden unserem Projekt einen namhaften Betrag zukommen hat lassen.

Auf dem Deutschen Finanzbildungsforum am 04. Februar 2021 in Landshut werden Studenten, Bachelor und Masterabsolventen sowie Doktoranten neueste Erkenntnis aus Forschung und Studien gemeinsam mit Ihren Professoren vor Journalisten, Lehrenden, Beratern, Experten und Praktikern aus Banken, Family Office, Vermögensverwaltern und Kanzleien präsentieren und mit Politikern und Entscheidern darüber diskutieren. Daneben gibt es Podiumsdiskussion und eine flankierende Finanzkompetenzmesse. Am Vorabend ist auf einem Finanzexperten-Dinner der Finanzjournalist und der Finanzblogger des Jahres geehrt. Partner der Veranstaltungen können im Umfeld des Termins ihre Netzwerkveranstaltungen oder Charityveranstaltung dort einbringen. So wird in der Woche des Form in einem Kinosaal der Film „Big Short“ Schülern der Oberstufe mit Schwerpunkt Wirtschaft gezeigt mit einer anschließenden Diskussion noch im Kinosaal. Kurz: Marktexperten können neue Ideen diskutieren und mitnehmen, Studenten erhalten eine (Karriere-) Plattform sich kompetent einzubringen und Finanzunternehmen können sich Wertigkeit präsentieren. Die um die Veranstaltung herum erscheinenden Publikation halten die Ideen fest und machen es einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich. Wenn alles gut läuft, sind alle Beteiligten echte Gewinner!

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Buchtipp: Warum bekomm’ das Kindergeld nicht ich?

© Reclam

Warum gruseln wir uns so gerne und feiern Halloween? Warum darf Papa beim Fußball so rumschreien? Warum gibt es heute noch Könige? Wir alle kennen diese Fragen unserer Kinder vom Esstisch, vom Fernsehsofa oder aus dem Kinderbett beim Gute-Nacht-Sagen. Manchmal haben wir selbst noch nicht darüber nachgedacht. Oft fällt uns die passende Antwort erst viel zu spät ein.

Warum bekomm’ das Kindergeld nicht ich? – Antworten auf neugierige Kinderfragen, erschienen im Reclam-Verlag
Hrsg.: Kaube, Jürgen; Küchemann, Fridtjof
Ill.: Schmid, Stefan
176 S. 12 Ill.
ISBN: 978-3-15-020482-5
11,95 €

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Veröffentlichung der ersten Studie zu der Reaktion von Family Offices auf die Coronakrise

© Listenchampion

München, 26.03.2020 – Listenchampion, hat die weltweit erste Studie zu der Reaktion bedeutender Family Offices auf die aktuelle Coronakrise veröffentlicht.

Die Mehrheit der Studienteilnehmer blickt optimistisch in die Zukunft: 60% erwarten eine erheblich bessere Situation an den Finanzmärkten in 12 Monaten, 26,7% eine leicht verbesserte Situation. Nur 13,3% der Führungskräfte von Family Offices erwarten keine signifikant positive Veränderung an den Finanzmärkten.

Mit Blick auf unterschiedliche Assetklassen erwarten mit 66,7% die Mehrheit der Befragten die schwersten finanziellen Schäden an den Finanzmärkten, während 13,3% die größten Schwierigkeiten im Venture Capital Bereich sehen. Die Portfolios der befragten Family Offices performten in der Krise besser als die meisten Aktienmärkte: 57,1% der Teilnehmer verzeichnen einen Einbruch zwischen -10% und 0% im Zeitraum zwischen dem 25. Februar 2020 und dem 16. März 2020. Lediglich 7,1% mussten Rückgänge zwischen -30% und -20% hinnehmen.

Die Mehrheit der Family Offices ist bereits damit beschäftigt, zukünftige Investitionsmöglichkeiten, wie beispielsweise Distressed Equity oder Anleihen zu evaluieren. Ein Großteil legt den Fokus auf Tech Aktien wie Facebook, Apple, Netflix oder Google. Auch Nahrungsmittelkonzerne stehen hoch im Kurs. Andere Family Offices wiederum bereiten Private Equity Käufe vor.

Die Studie wurde mit einer selektiven Auswahl von 15 Family Offices aus den Vereinigten Staaten und Europa durchgeführt. 53,3% der Teilnehmer waren Führungskräfte von bedeutenden Multi Family Offices, 46,7% von Single Family Offices.

Listenchampion ist das führende Portal für hochwertige Branchen- und Investorenlisten. Der Fokus des Research Teams liegt auf schwer durchschaubaren Industrien, wobei die Family Offices Branche in Europa besonders im Fokus steht.

Quelle: Listenchampion

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Die Corona-Rückwärts-Prognose: Wie wir uns wundern werden, wenn die Krise „vorbei” ist

Von Matthias Horx

© pixabay

Ich werde derzeit oft gefragt, wann Corona denn „vorbei sein wird”, und alles wieder zur Normalität zurückkehrt. Meine Antwort: Niemals. Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert. Wir nennen sie Bifurkationen. Oder Tiefenkrisen. Diese Zeiten sind jetzt.

Die Welt as we know it löst sich gerade auf. Aber dahinter fügt sich eine neue Welt zusammen, deren Formung wir zumindest erahnen können. Dafür möchte ich Ihnen eine Übung anbieten, mit der wir in Visionsprozessen bei Unternehmen gute Erfahrungen gemacht haben. Wir nennen sie die RE-Gnose. Im Gegensatz zur PRO-Gnose schauen wir mit dieser Technik nicht »in die Zukunft«. Sondern von der Zukunft aus ZURÜCK ins Heute. Klingt verrückt? Versuchen wir es einmal:
Die Re-Gnose: Unsere Welt im Herbst 2020

Stellen wir uns eine Situation im Herbst vor, sagen wir im September 2020. Wir sitzen in einem Straßencafe in einer Großstadt. Es ist warm, und auf der Strasse bewegen sich wieder Menschen. Bewegen sie sich anders? Ist alles so wie früher? Schmeckt der Wein, der Cocktail, der Kaffee, wieder wie früher? Wie damals vor Corona?
Oder sogar besser?
Worüber werden wir uns rückblickend wundern?

Wir werden uns wundern, dass die sozialen Verzichte, die wir leisten mussten, selten zu Vereinsamung führten. Im Gegenteil. Nach einer ersten Schockstarre fühlten viele von sich sogar erleichtert, dass das viele Rennen, Reden, Kommunizieren auf Multikanälen plötzlich zu einem Halt kam. Verzichte müssen nicht unbedingt Verlust bedeuten, sondern können sogar neue Möglichkeitsräume eröffnen. Das hat schon mancher erlebt, der zum Beispiel Intervallfasten probierte – und dem plötzlich das Essen wieder schmeckte. Paradoxerweise erzeugte die körperliche Distanz, die der Virus erzwang, gleichzeitig neue Nähe. Wir haben Menschen kennengelernt, die wir sonst nie kennengelernt hätten. Wir haben alte Freunde wieder häufiger kontaktiert, Bindungen verstärkt, die lose und locker geworden waren. Familien, Nachbarn, Freunde, sind näher gerückt und haben bisweilen sogar verborgene Konflikte gelöst.

Die gesellschaftliche Höflichkeit, die wir vorher zunehmend vermissten, stieg an.

Jetzt im Herbst 2020 herrscht bei Fussballspielen eine ganz andere Stimmung als im Frühjahr, als es jede Menge Massen-Wut-Pöbeleien gab. Wir wundern uns, warum das so ist.

Wir werden uns wundern, wie schnell sich plötzlich Kulturtechniken des Digitalen in der Praxis bewährten. Tele- und Videokonferenzen, gegen die sich die meisten Kollegen immer gewehrt hatten (der Business-Flieger war besser) stellten sich als durchaus praktikabel und produktiv heraus. Lehrer lernten eine Menge über Internet-Teaching. Das Homeoffice wurde für Viele zu einer Selbstverständlichkeit – einschließlich des Improvisierens und Zeit-Jonglierens, das damit verbunden ist.

Gleichzeitig erlebten scheinbar veraltete Kulturtechniken eine Renaissance. Plötzlich erwischte man nicht nur den Anrufbeantworter, wenn man anrief, sondern real vorhandene Menschen. Das Virus brachte eine neue Kultur des Langtelefonieren ohne Second Screen hervor. Auch die »messages« selbst bekamen plötzlich eine neue Bedeutung. Man kommunizierte wieder wirklich. Man ließ niemanden mehr zappeln. Man hielt niemanden mehr hin. So entstand eine neue Kultur der Erreichbarkeit. Der Verbindlichkeit.

Menschen, die vor lauter Hektik nie zur Ruhe kamen, auch junge Menschen, machten plötzlich ausgiebige Spaziergänge (ein Wort, das vorher eher ein Fremdwort war). Bücher lesen wurde plötzlich zum Kult.

Reality Shows wirkten plötzlich grottenpeinlich. Der ganze Trivial-Trash, der unendliche Seelenmüll, der durch alle Kanäle strömte. Nein, er verschwand nicht völlig. Aber er verlor rasend an Wert.
Kann sich jemand noch an den Political-Correctness-Streit erinnern? Die unendlich vielen Kulturkriege um … ja um was ging da eigentlich?

Krisen wirken vor allem dadurch, dass sie alte Phänomene auflösen, über-flüssig machen…
Zynismus, diese lässige Art, sich die Welt durch Abwertung vom Leibe zu halten, war plötzlich reichlich out.
Die Übertreibungs-Angst-Hysterie in den Medien hielt sich, nach einem kurzen ersten Ausbruch, in Grenzen.

Nebenbei erreichte auch die unendliche Flut grausamster Krimi-Serien ihren Tipping Point.

Wir werden uns wundern, dass schließlich doch schon im Sommer Medikamente gefunden wurden, die die Überlebensrate erhöhten. Dadurch wurden die Todesraten gesenkt und Corona wurde zu einem Virus, mit dem wir eben umgehen müssen – ähnlich wie die Grippe und die vielen anderen Krankheiten. Medizinischer Fortschritt half. Aber wir haben auch erfahren: Nicht so sehr die Technik, sondern die Veränderung sozialer Verhaltensformen war das Entscheidende. Dass Menschen trotz radikaler Einschränkungen solidarisch und konstruktiv bleiben konnten, gab den Ausschlag. Die human-soziale Intelligenz hat geholfen. Die vielgepriesene Künstliche Intelligenz, die ja bekanntlich alles lösen kann, hat dagegen in Sachen Corona nur begrenzt gewirkt.

Damit hat sich das Verhältnis zwischen Technologie und Kultur verschoben. Vor der Krise schien Technologie das Allheilmittel, Träger aller Utopien. Kein Mensch – oder nur noch wenige Hartgesottene – glauben heute noch an die große digitale Erlösung. Der große Technik-Hype ist vorbei. Wir richten unsere Aufmerksamkeiten wieder mehr auf die humanen Fragen: Was ist der Mensch? Was sind wir füreinander?

Wir staunen rückwärts, wieviel Humor und Mitmenschlichkeit in den Tagen des Virus tatsächlich entstanden ist.

Wir werden uns wundern, wie weit die Ökonomie schrumpfen konnte, ohne dass so etwas wie »Zusammenbruch« tatsächlich passierte, der vorher bei jeder noch so kleinen Steuererhöhung und jedem staatlichen Eingriff beschworen wurde. Obwohl es einen »schwarzen April« gab, einen tiefen Konjunktureinbruch und einen Börseneinbruch von 50 Prozent, obwohl viele Unternehmen pleitegingen, schrumpften oder in etwas völlig anderes mutierten, kam es nie zum Nullpunkt. Als wäre Wirtschaft ein atmendes Wesen, das auch dösen oder schlafen und sogar träumen kann.

Heute im Herbst, gibt es wieder eine Weltwirtschaft. Aber die Globale Just-in-Time-Produktion, mit riesigen verzweigten Wertschöpfungsketten, bei denen Millionen Einzelteile über den Planeten gekarrt werden, hat sich überlebt. Sie wird gerade demontiert und neu konfiguriert. Überall in den Produktionen und Service-Einrichtungen wachsen wieder Zwischenlager, Depots, Reserven. Ortsnahe Produktionen boomen, Netzwerke werden lokalisiert, das Handwerk erlebt eine Renaissance. Das Global-System driftet in Richtung GloKALisierung: Lokalisierung des Globalen.

Wir werden uns wundern, dass sogar die Vermögensverluste durch den Börseneinbruch nicht so schmerzen, wie es sich am Anfang anfühlte. In der neuen Welt spielt Vermögen plötzlich nicht mehr die entscheidende Rolle. Wichtiger sind gute Nachbarn und ein blühender Gemüsegarten.

Könnte es sein, dass das Virus unser Leben in eine Richtung geändert hat, in die es sich sowieso verändern wollte?
RE-Gnose: Gegenwartsbewältigung durch Zukunfts-Sprung

Warum wirkt diese Art der »Von-Vorne-Szenarios« so irritierend anders als eine klassische Prognose? Das hängt mit den spezifischen Eigenschaften unseres Zukunfts-Sinns zusammen. Wenn wir »in die Zukunft« schauen, sehen wir ja meistens nur die Gefahren und Probleme »auf uns zukommen«, die sich zu unüberwindbaren Barrieren türmen. Wie eine Lokomotive aus dem Tunnel, die uns überfährt. Diese Angst-Barriere trennt uns von der Zukunft. Deshalb sind Horror-Zukünfte immer am Einfachsten darzustellen.

Re-Gnosen bilden hingegen eine Erkenntnis-Schleife, in der wir uns selbst, unseren inneren Wandel, in die Zukunftsrechnung einbeziehen. Wir setzen uns innerlich mit der Zukunft in Verbindung, und dadurch entsteht eine Brücke zwischen Heute und Morgen. Es entsteht ein »Future Mind« – Zukunfts-Bewusstheit.

Wenn man das richtig macht, entsteht so etwas wie Zukunfts-Intelligenz. Wir sind in der Lage, nicht nur die äußeren »Events«, sondern auch die inneren Adaptionen, mit denen wir auf eine veränderte Welt reagieren, zu antizipieren.

Das fühlt sich schon ganz anders an als eine Prognose, die in ihrem apodiktischen Charakter immer etwas Totes, Steriles hat. Wir verlassen die Angststarre und geraten wieder in die Lebendigkeit, die zu jeder wahren Zukunft gehört.

Wir alle kennen das Gefühl der geglückten Angstüberwindung. Wenn wir für eine Behandlung zum Zahnarzt gehen, sind wir schon lange vorher besorgt. Wir verlieren auf dem Zahnarztstuhl die Kontrolle und das schmerzt, bevor es überhaupt wehtut. In der Antizipation dieses Gefühls steigern wir uns in Ängste hinein, die uns völlig überwältigen können. Wenn wir dann allerdings die Prozedur überstanden haben, kommt es zum Coping-Gefühl: Die Welt wirkt wieder jung und frisch und wir sind plötzlich voller Tatendrang.

Coping heißt: bewältigen. Neurobiologisch wird dabei das Angst-Adrenalin durch Dopamin ersetzt, eine Art körpereigener Zukunfts-Droge. Während uns Adrenalin zu Flucht oder Kampf anleitet (was auf dem Zahnarztstuhl nicht so richtig produktiv ist, ebenso wenig wie beim Kampf gegen Corona), öffnet Dopamin unsere Hirnsynapsen: Wir sind gespannt auf das Kommende, neugierig, vorausschauend. Wenn wir einen gesunden Dopamin-Spiegel haben, schmieden wir Pläne, haben Visionen, die uns in die vorausschauende Handlung bringen.

Erstaunlicherweise machen viele in der Corona-Krise genau diese Erfahrung. Aus einem massiven Kontrollverlust wird plötzlich ein regelrechter Rausch des Positiven. Nach einer Zeit der Fassungslosigkeit und Angst entsteht eine innere Kraft. Die Welt »endet«, aber in der Erfahrung, dass wir immer noch da sind, entsteht eine Art Neu-Sein im Inneren.

Mitten im Shut-Down der Zivilisation laufen wir durch Wälder oder Parks, oder über fast leere Plätze. Aber das ist keine Apokalypse, sondern ein Neuanfang.

So erweist sich: Wandel beginnt als verändertes Muster von Erwartungen, von Wahr-Nehmungen und Welt-Verbindungen. Dabei ist es manchmal gerade der Bruch mit den Routinen, dem Gewohnten, der unseren Zukunfts-Sinn wieder freisetzt. Die Vorstellung und Gewissheit, dass alles ganz anders sein könnte – auch im Besseren.

Vielleicht werden wir uns sogar wundern, dass Trump im November abgewählt wird. Die AFD zeigt ernsthafte Zerfransens-Erscheinungen, weil eine bösartige, spaltende Politik nicht zu einer Corona-Welt passt. In der Corona-Krise wurde deutlich, dass diejenigen, die Menschen gegeneinander aufhetzen wollen, zu echten Zukunftsfragen nichts beizutragen haben. Wenn es ernst wird, wird das Destruktive deutlich, das im Populismus wohnt.

Politik in ihrem Ur-Sinne als Formung gesellschaftlicher Verantwortlichkeiten bekam in dieser Krise eine neue Glaubwürdigkeit, eine neue Legitimität. Gerade weil sie »autoritär« handeln musste, schuf Politik Vertrauen ins Gesellschaftliche. Auch die Wissenschaft hat in der Bewährungskrise eine erstaunliche Renaissance erlebt. Virologen und Epidemiologen wurden zu Medienstars, aber auch »futuristische« Philosophen, Soziologen, Psychologen, Anthropologen, die vorher eher am Rande der polarisierten Debatten standen, bekamen wieder Stimme und Gewicht.

Fake News hingegen verloren rapide an Marktwert. Auch Verschwörungstheorien wirkten plötzlich wie Ladenhüter, obwohl sie wie saures Bier angeboten wurden.
Ein Virus als Evolutionsbeschleuniger

Tiefe Krisen weisen obendrein auf ein weiteres Grundprinzip des Wandels hin: Die Trend-Gegentrend-Synthese.

Die neue Welt nach Corona – oder besser mit Corona – entsteht aus der Disruption des Megatrends Konnektivität. Politisch-ökonomisch wird dieses Phänomen auch »Globalisierung« genannt. Die Unterbrechung der Konnektivität – durch Grenzschließungen, Separationen, Abschottungen, Quarantänen – führt aber nicht zu einem Abschaffen der Verbindungen. Sondern zu einer Neuorganisation der Konnektome, die unsere Welt zusammenhalten und in die Zukunft tragen. Es kommt zu einem Phasensprung der sozio-ökonomischen Systeme.

Die kommende Welt wird Distanz wieder schätzen – und gerade dadurch Verbundenheit qualitativer gestalten. Autonomie und Abhängigkeit, Öffnung und Schließung, werden neu ausbalanciert. Dadurch kann die Welt komplexer, zugleich aber auch stabiler werden. Diese Umformung ist weitgehend ein blinder evolutionärer Prozess – weil das eine scheitert, setzt sich das Neue, überlebensfähig, durch. Das macht einen zunächst schwindelig, aber dann erweist es seinen inneren Sinn: Zukunftsfähig ist das, was die Paradoxien auf einer neuen Ebene verbindet.

Dieser Prozess der Komplexierung – nicht zu verwechseln mit Komplizierung – kann aber auch von Menschen bewusst gestaltet werden. Diejenigen, die das können, die die Sprache der kommenden Komplexität sprechen, werden die Führer von Morgen sein. Die werdenden Hoffnungsträger. Die kommenden Gretas.

„Wir werden durch Corona unsere gesamte Einstellung gegenüber dem Leben anpassen – im Sinne unserer Existenz als Lebewesen inmitten anderer Lebensformen.”

Slavo Zizek im Höhepunkt der Coronakrise Mitte März

Jede Tiefenkrise hinterlässt eine Story, ein Narrativ, das weit in die Zukunft weist. Eine der stärksten Visionen, die das Coronavirus hinterlässt, sind die musizierenden Italiener auf den Balkonen. Die zweite Vision senden uns die Satellitenbilder, die plötzlich die Industriegebiete Chinas und Italiens frei von Smog zeigen. 2020 wird der CO&sub2;-Ausstoss der Menschheit zum ersten Mal fallen. Diese Tatsache wird etwas mit uns machen.

Wenn das Virus so etwas kann – können wir das womöglich auch? Vielleicht war der Virus nur ein Sendbote aus der Zukunft. Seine drastische Botschaft lautet: Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt.

Aber sie kann sich neu erfinden.
System reset.
Cool down!
Musik auf den Balkonen!
So geht Zukunft.

Quelle: www.horx.com und www.zukunftsinstitut.de

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