Auszug aus dem aktuellen FOR Nr. 16

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Es war der große Schlag nach der Corona-Depression. Ein Unternehmen wie Wirecard, deren Geschäftsmodell als pandemiesicher galt, stürzte über Betrugsvorwürfe und blieb in der Insolvenz liegen. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, testierende Wirtschaftsprüfer und auch zahlreiche Fondsmanager hatten die Verwerfungen trotz zahlreicher öffentlich geäußerter Bedenken seitens englischer Finanzzeitungen nicht kommen sehen.
Ist das Aufsichtsversagen? Ist das Prüferversagen? Ist das Fondsmanagerversagen? Ja und Nein – würde ich sagen. Ja, denn 25 Prozent des Eigenkapitals zu bestätigen, das als Cash auf einem Konto bei einer philippinischen Bank liegen soll und das sich nach heutiger Nachrichtenlage als nicht existent herausstellt, ist mehr als ein Prüfungsfehler. Vor allem wenn öffentliche Medienberichte bereits seit 2014 Bilanzmanipulationen unterstellen.

Das Paradox dabei: Nicht selten sind solche Warnsignale genau der Grund, warum Aktionäre und Fondsmanager einsteigen. Die Warnung vor mediengewandten CEOs, die Unternehmen von einem Businessmodell zu einem religiösen Hype tragen, sehen wir auch bei Tesla. Ein Autoproduzent, der erst seit dem 4. Quartal geringe Gewinne ausweist und deutlich weniger Autos ausliefert als seine traditionellen Mitbewerber, ist heute doppelt so viel wert wie seine drei deutschen Dax-notierten Mitbewerber zusammen. Die seit dem Börsengang stetige Aktienwertsteigerung von inzwischen 7.000 Prozent ist nur durch die Vision eines Elon Musk gedeckt, nicht aber durch betriebswirtschaftliche Zahlen. Das bedeutet, wenn ein Anleger zu Börsenstart der Aktie am 29. Juni 2010 1.000 EURO Spielgeld investierte, ist er heute siebenfacher Millionär. Da kann man schon seinen gesunden Menschenverstand verlieren.

Ähnlich war es auch bei Apple-Gründer Steve Jobs. Der Glaube an eine Galionsfigur versetzt Berge. Es gab sicherlich in der Geschichte von Apple unternehmerisch kritische Momente – wie bei jeder Firma – in denen es um das Überleben der Apfelmarke ging. Der Ideenreichtum und die Strahlkraft eines Unternehmensführers wie Jobs hob hier die Marke und Company über die Schwelle des Scheiterns.

Zurück zu Tesla. Ein weiterer Kritikpunkt sollte nicht unerwähnt bleiben: Elon Musk verdient pro Jahr mal 600 Millionen mal über 2 Milliarden USD – zwar nicht als Festgehalt, sondern durch ein ausgeklügeltes Bonisystem. Wie kann man bei solchen Anreizen eine solide konservative Unternehmensführung erwarten und nicht narzisstisch sein? Die Hoffnung, dass es bei Tesla eben wie bei Apple gut gehen wird, bleibt. Anders bei Wirecard: Hier ist nichts gut gegangen.
Ein weiteres Paradox dabei ist die Parallele zur Wirtschafts-Politik. Die Bundesminister Altmaier und Scholz begingen unrühmliche Kommunikationsfehler, als sie versprachen, es würde keiner während der Corona-Krise entlassen und keine Firma würde wegen der Pandemie in die Insolvenz gehen. Auch Aussagen wie das Scholz´sche „es ist genügend Geld für alle da“ ist bereits heute widerlegt. Die EZB „schafft“ Geld aus dem Nichts, als ob es kein Morgen gäbe. Und sie finanziert immer mehr direkt die Staatshaushalte über den Aufkauf von Staatsanleihen, was ihr eigentlich durch ihre Statuten untersagt ist. Noch gar nicht erwähnt sind Schattenhaushalte und künftige Billionenverpflichtungen z.B. für Beamtenrenten und zugesagte Steuergeschenke. Wie unterscheiden sich die handelnden politischen Personen von Unternehmern? Die Antwort ist einfach: Indem der Staat sich die Gesetze selbst macht, ist nahezu alles, was die Politiker machen, legal. Deshalb ist es aber noch lange nicht richtig.
Der Ökonom Daniel Stelter hat in seinem aktuellen Buch „Coronomics“ auf Szenarien dieser Fehlentwicklung von maßlosen Schuldenaufbau und zügelloser Umverteilungspolitik hingewiesen und zeigt dabei sogar Lösungswege auf. Diese sind zwar nicht populär, aber wären wohl richtig, wie damals die Agenda 2020 von Gerhard Schröder. Heute ist aber kein Politiker in Sicht, der das ökonomisch Richtige machen wird. Das zeigt auch der massive Lockdown zur Corona-Krise, als die Law-and-Order-Politiker, begleitet durch den Applaus Staatshöriger, ihre Stunde gekommen sahen.

Narzisstische Trumpsche Ignoranz ist zwar keine Alternative, aber vielleicht ein liberal geprägtes schwedisches Modell?
Aber ich schulde Ihnen noch das Nein als Antwortalternative am Anfang des Textes: Auch ich hatte Wirecard im Depot, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass ein DAX-Konzern Finanzbetrug solchen Ausmaßes begehen kann und damit durchkommt. Ich habe diese Entscheidung allein getroffen, und mache keinen Finanzberater und keine Bank für mein Handeln verantwortlich. Ich hatte während der letzten zwei Jahre durch Verkauf und Wiedereinstieg das Geld nahezu eingespielt, dass ich heute verloren hatte – ein kleiner positiver Nebeneffekt.

Aber kurz gesagt: Letztendlich war ich zu wenig kritisch. Punkt.
Was war das Paradox von Wirecard, das auch mich faszinierte? Es gab eine mutmaßliche stabile Unternehmensentwicklung, es war anscheinend ein funktionierendes Geschäftsmodell, es gab viel Cash in der Bilanz – wen störten da schon Schulden?
Passend dazu kommt mir die Erläuterung des englischen Mathematikers Philip Jour in den Sinn, der einen selbstbezüglichen Satz 1913 veröffentlichte:

Der nächste Satz ist wahr.
Der nächste Satz ist wahr.
Der nächste Satz ist wahr.
Der nächste Satz ist wahr.
Der nächste Satz ist wahr.
Der erste Satz ist falsch.

Dieses Paradox ist nach beliebig vielen Sätzen nicht verschwunden und wird dennoch nicht wahrer.
Wann hat wohl Wirecard begonnen, zu lügen und es uns als Wahrheit aufgetischt?
Versuchen Sie doch einfach, mit dieser oder anderen paradoxen Logiken sich die Politik unserer Regierung als selbsterfüllende Prophezeiung schönzureden oder den Beginn vom Businessmodell zur Religion zu finden. Viel Spaß dabei.

Bleiben Sie kritisch und fördern auch Sie mehr #finanzbewusstsein

Quelle: Ein Kommentar von Edmund Pelikan, Hrsg. „FOR-familyoffice report und Hrsg. „BeteiligungsReport“