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Ein Impuls für Vermögensverwalter

Die Schlagzeilen überschlugen sich Ende Oktober. Die Aufmacher reichten von „Heiliger Crash“ über „Steht der Vatikan kurz vor dem Bankrott“ bis hin zu „Der Vatikan ist in vier Jahren pleite“. Basis dieser Meldungen ist das neue Buch des angesehenen Investigativjournalisten Gianluigi Nuzzi: „Guidizio universale“, was soviel wie „Das jüngste Gericht“ bedeutet. Detailreich werden dort Fakten und Einschätzungen einer drohenden finanziellen Misere beschrieben, die er durch Aktenstudium von mehr als 3.000 bisher noch nie veröffentlichten Dokumenten zusammengetragen hat. Nuzzi erhebt dabei schwere Missmanagement-Vorwürfe gegenüber den Verantwortlichen des Kirchenstaates.

Richtig und unbestritten ist, dass, dem Buch und unabhängigen Quellen zur Folge, sich die Einnahmen aus den Diözesen – vor allem die aus Deutschland und den USA – seit 2006 deutlich reduziert haben. Es heißt, dass diese sich von über 100 Millionen Euro p.a. auf rund 50 Millionen Euro halbiert hätten. Der Vorwurf, dass davon lediglich 20 Prozent an soziale und karitative Einrichtungen der Kirche gehen, ist hierbei eher ein ethisches wie ökonomisches Dilemma. Das Hauptproblem ist gemäß den Recherchen von Nuzzi in der Güter- und Immobilienverwaltung des Kirchenstaates, dem sogenannten APSA, zu sehen. Man liest, dass von 4.421 verwalteten Immobilien 800 leer stehen sowie von den verbleibenden Immobilien 15 Prozent mietfrei und die Hälfte unter Preis vermietet sind. Da kommt einem der Skandal vor Jahren in den Sinn, wo ein führender Kardinal eine 400 Quadratmeter-Wohnung in für sich und sein Personal aufwendig renovieren ließ. Dazu muss man wissen, dass Kardinäle meist mietfrei in Objekten der Kirche leben. Dies alles hat zur Folge, dass das Defizit der ASPA derzeit bei 63,3 Millionen Euro liegen soll, was eine Steigerung von 200 Prozent in den letzten fünf Jahren bedeutet.

Soweit so gut. Jetzt kommt aber der kritische Blickwinkel auf die plakative Überschrift. Und hier darf ich mit einem Einblick aus dem Buch „Das Märchen vom reichen Land“ von Daniel Stelter aufklären. Stelter schreibt ein ganzes Kapitel über den Unterschied zwischen Einkommen und Vermögen. Hier zeigt er, dass Deutschland mit einem Bruttoinlandsprodukt – also im Bereich Einkommen (=Flussgröße) – von rund 48.000 USD pro Kopf, auf Platz 20, zu den bestverdienenden Ländern gehört. Jedoch besitzen die Deutschen wenig Vermögen (=Bestandsgröße). Selbst der kapitalismuskritische Reichtumsforscher Thomas Piketty, der umfangreiches Datenmaterial zur Entwicklung von Vermögen in den einzelnen Euroländern ausgewertet hat, kommt zu einem klaren Ergebnis: Die Deutschen besitzen im Durchschnitt weniger Vermögen als die Italiener, Franzosen oder Spanier. Dies nur zur Erläuterung des Unterschieds zwischen Einkommen und Vermögen.

Zurück zum Vatikan: Gerne würde man ein Bruttoinlandsprodukt für den Vatikan ausweisen, aber dies wird für die weniger als 500 Staatsbürger nicht ermittelt. Aber wenn man einen Blick in den kommunizierten Jahreshaushalt von etwa 300 Millionen Euro wirft und allein das Immobilienvermögen, welches rund 3 Milliarden Euro umfassen soll, dagegenstellt, kann von einer Pleite keine Rede sein. Und das Immobilienvermögen ist ja nur ein Teil des kirchlichen Vermögens. Die unschätzbaren Kunstschätze, das weitverzweigte und intransparente Stiftungs- und Firmengeflecht spricht eine deutliche Sprache: Der Vatikan ist reich und wenn es eine Steigerung von „am reichsten“ gäbe, würde dies für den Vatikan zutreffen. Maximal steckt der Kirchenstaat in Liquiditätsproblemen. Diese basieren – und hier ist ein Buch wie das von Gianluigi Nuzzi zur Offenlegung unschätzbar – auf Missmanagement, Korruption und totaler Unkenntnis von finanzökonomischen Regeln und vermögensverwaltungstechnischen Methoden. Dieses Problem ist aber nicht nur auf den Vatikan in Italien beschränkt. In Deutschland zeigt der Millionenschaden beim Bistum Eichstätt, welch wirtschaftlicher Dilettantismus hier für die Verwaltung der Gelder zuständig ist. Und dies potenziert sich in der römischen Kurie um ein Vielfaches.

Zusammenfassend lässt sich sagen:

  • Bei seinem kolportiert exorbitanten Vermögen ist der Vatikan bei weitem nicht pleite, maximal steckt er in Zahlungsschwierigkeiten. Bei entsprechender Vermögensverwaltung könnte der Kirchenstaat wahrscheinlich autark sein und allein aus seinem Vermögen überleben.
  • Ein „Sozialunternehmen“ wie die Kirche und der Kirchenstaat sollten eine professionelle Vermögensverwaltung in Gelddingen unbedingt beherzigen, und dass nicht nur weil es auch um Spendengelder geht.
  • Auch in einer absoluten Wahlmonarchie, wie der des Vatikanstaats, ist es an der Zeit für Transparenz und Offenlegung zu sorgen.

Autor: Edmund Pelikan