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Jede Finanzanlage hat trotz aller Loblieder zwei Seiten – auch ETFs

Es war das Jahr 1976, als der US-Amerikaner John C. Bogle eine ebenso einfache wie geniale Idee hatte: Die Erfindung eines Investmentfonds für Privatanleger, der die Wertentwicklung eines Börsenindex, wie beispielsweise den des DAX, passiv nachbildet, anstatt aktiv zu versuchen, die Wertentwicklung durch die richtige Aktienauswahl zu übertreffen. Es war die Geburtsstunde der Exchange Traded Funds (ETFs).

Finanzexperten prophezeiten damals, dass dieses Modell keinen Erfolg haben würde. Der Fonds wurde als „Bogle’s folly“ (Bogles wahnwitzige Idee) verspottet. Und tatsächlich war die erste Emission ein Flop. Doch heute wissen wir, dass die Finanzexperten von damals nicht recht behalten sollten. Mittlerweile haben sich die ETFs erfolgreich in der Finanzwelt etabliert und sind von den Märkten nicht mehr wegzudenken.

Was ist eigentlich ein Exchange Traded Fund (ETF)?

Das Prinzip eines ETFs ist einfach: Man nehme einen beliebigen Index – meist sind dies Aktienindizes, es können aber auch Anleihe- oder Rohstoffindizes sein – und bilde diesen nach. Der Vergleichsindex bestimmt, welche Wertpapiere ins Portfolio kommen, und nicht der Fondsmanager. Darum spricht man bei dieser Anlagestrategie von passivem Investieren.

Welche Vorteile bieten ETFs?

Kosten:
Da beim passiven Investieren weniger hochbezahlte Fondsmanager benötigt werden und auch weniger Handelsgebühren anfallen, spiegelt sich das positiv bei den Kosten wider. Ein klassischer Fonds lässt sich sein aktives Fondsmanagement in den USA im Durchschnitt mit 0,82 Prozent entlöhnen. Hingegen verlangt ein ETF nur rund 0,1 Prozent p. a. Diese geringeren Kosten schlagen natürlich auch bei der Rendite zu Buche.

Flexibilität und Liquidität:
ETFs können jederzeit an der Börse gehandelt werden, was ein schnelles Ein- und Aussteigen aus dem Markt bedeutet.

Einfache und hohe Diversifikation:
Durch ihre Zusammensetzung bieten ETFs eine hohe Diversifikation, durch die sich das Risiko eines Totalverlustes verringert. Sie bieten unkomplizierten Zugang zu einem breitgestreuten Portfolio und den Renditen des Marktindex, selbst mit einem vergleichsweise geringen Anlagebetrag.

Rendite:
Der wohl wichtigste Pluspunkt liegt in der Rendite der ETFs. Ein aktiv gemanagter Fonds müsste eigentlich besser abschneiden als ein passiver ETF. Immerhin kann ein Fondsmanager auf aktuelle Marktgegebenheiten jederzeit mit Käufen oder Verkäufen reagieren und muss sich nicht an die starre Vorgabe des Index halten. Soweit die Theorie. In der Praxis schaffen es Fondsmanager in der Regel nicht, besser zu performen als der Vergleichsindex. Dies macht das Betrachten von historischen Daten deutlich: Carhart untersuchte 1.892 US-Aktienfonds über den Zeitraum von 1961 bis 1995 und stellte fest, dass 94 Prozent aller aktiv gemanagten Fonds hinter ihrer Benchmark zurückblieben. Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen Fama und French, die den Zeitraum von 1984 bis 2006 unter die Lupe nahmen: 97 Prozent der aktiv gemanagten Fonds konnten die Benchmark nicht überbieten.

Sogar Warren Buffett, selbst aktiver Investor, ist zum Befürworter passiven Investierens geworden: Er ging 2007 eine Wette über eine Million Dollar ein, dass ein aktiv gemanagter Hedgefonds nicht in der Lage sein soll, einen ETF auf den S&P 500 zu schlagen. Und er sollte recht behalten: Der Hedgefonds erwirtschaftete 2,2 Prozent p. a., der ETF dagegen 7 Prozent p. a.

Schöne neue ETF-Welt also?

ETFs bringen viele Vorteile mit sich. Nicht umsonst verzeichnet dieses Anlagesegment Mittelzuflüsse im letzten Jahrzehnt in Höhe von 0,9 Billionen Dollar am US-Markt. Und auch die Stiftung Warentest schlägt in der derzeitigen Niedrigzinsphase vor, dass man sich mit ETFs, der „Geldanlage für Faule“, bequem ein Polster fürs Alter zurücklegen kann. Trotzdem sind sie kein Wundermittel, und Anleger sollten bei all den Vorteilen die eventuellen Risiken nicht aus dem Auge verlieren. Neben den allgemeinen Kursschwankungen und eventuellen Währungsrisiken, über die sich jeder Anleger in ETFs im Klaren sein sollte, können noch weitere Nachteile beim passiven Investieren auftreten.

Ausfallrisiko:
Manche ETFs müssen die Aktien in dem Index überhaupt nicht physisch halten, den sie replizieren. Sie bilden die Performance mit Derivaten (Swaps) synthetisch nach. Das bringt zwar auch Vorteile, wie z. B. geringere Kosten mit sich, kann sich aber erheblich auf den Inhalt des Sondervermögens und das Ausfallrisiko auswirken. Hier gibt es viele Gestaltungsmöglichkeiten seitens des Emittenten, und die scheinbar einfach wirkenden ETFs können zu komplizierten Finanzinstrumenten werden. Die Financial Times schreibt dazu: „Synthetische ETFs tragen das Risiko eines Ausfalls des Kontrahenten, z. B. einer Investment Bank, auf der anderen Seite des Swap-Geschäfts des Fondsmanagers. Der Zusammenbruch der US-Banken Lehman Brothers und Bear Stearns während der Finanzkrise zeigt, dass dieses schlimmste Szenario eintreffen kann. Investoren sollten herausfinden, welche Sicherheiten gegen diesen Swap gehalten werden und den Fonds-Prospekt lesen.“ Klarheit verschafft hier nur der Blick ins Kleingedruckte.

Befeuern ETFs Börsencrashs?
Aufmerksamkeit sei beim Auftreten von Flashcrashs geboten. ETFs können im Falle solcher Minutencrashs aufgrund entstehender Liquiditätsspiralen die Kurseinbrüche kurzfristig verstärken. Den langfristig orientieren Anleger mögen solche Flashcrashs zwar kalt lassen. Dennoch hat die Finanzkrise 2007/2008 gezeigt, dass Liquiditätsspiralen und komplexe Verkettungen an den Märkten schneller zu einem Zusammenbruch führen können.

Schlimmer als Marxismus?
„Passive Investments sind schlimmer als Marxismus“, behauptete jüngst Inigo Fraser-Jenkins, Fondsmanager beim US-Investmenthaus Bernstein. „Eine vermeintlich kapitalistische Wirtschaft, in der Investitionen ausschließlich passiv sind, ist schlimmer als eine Planwirtschaft oder eine Wirtschaft mit einem aktiv geführten Kapitalmarkt“, so seine Behauptung.
Tatsächlich muss man sich fragen, was wird in einer Finanzwelt passieren, in der passives Investieren immer mehr an Bedeutung gewinnen wird und in der sich immer weniger Investoren darum kümmern, dass Aktienkurse die Unternehmenswerte korrekt widerspiegeln? Gegner der Fraser-Jenkins-Theorie behaupten, solange genügend aktive Investoren am Markt tätig sind, droht keine unmittelbare Gefahr. Systematische Fehlbewertungen würden am Markt nicht lange unbemerkt bleiben. Trotzdem sollte das rasante Wachstum des passiv verwalteten Kapitals mit hoher Aufmerksamkeit beobachtet werden.

Fazit:
Derzeit ist die passive Anlagestrategie der aktiven Anlagestrategie überlegen. Dies ist vor allem auf zwei Gründe zurückzuführen: Zum einem, dass ETFs einen kostengünstigen Zugang zu einem breit diversifizierten Portfolio ermöglichen und zum anderen, dass sie die bessere Performance gegenüber aktiv verwalteten Fonds bieten. Das absolute Nonplusultra sollte man in den ETFs jedoch nicht sehen. Sobald die passive Anlagestrategie die Norm und die aktive die Ausnahme sein wird, würde sich dies nachteilig für die Investoren auswirken. Die Finanzwelt ist durch die Anlageform sicherlich nicht weniger komplex geworden. Wie sich das passive Investieren langfristig auf den Markt auswirken wird, wird die Zukunft zeigen. Und wichtig ist es auch, sich den jeweiligen ETF vor Investition genau anzusehen. Kritisches und mündiges Anlegen ist weiterhin ein Muss.

Quelle: epk media