Von Olivier de Berranger, Chief Investment Officer bei La Financière de l’Echiquier

Am 5. Februar übernahm Jerome Powell den Fed-Vorsitz und schlüpfte mit einer doppelten Anhörung vor dem Kongress in der vergangenen Woche endgültig in die Rolle des Gouverneurs der US-Notenbank. Ein von den Märkten erwarteter erster großer Auftritt, denn diese möchten gerne die künftige Richtung der Fed-Geldpolitik erfahren.
Dieser erste Auftritt des Princeton-Absolventen erfolgte zweigeteilt vor jeder Kammer des Kongresses.
Zuerst eine kurze Rede, die mit den Mitgliedern des Offenmarktausschusses abgefasst wurde, um den Konsens des Gouverneursrates zu verdeutlichen. Es ging um die Stabilität des Arbeitsmarktes und den Willen der Fed, die Normalisierung der Geldpolitik fortzusetzen, erst recht seit der Verabschiedung der US- Steuerreform. Es gab jedoch wenig neue Inhalte und die Äußerungen glichen inhaltlich denen von Janet Yellen bei ihrer letzten Anhörung vor dem Kongress im Juli.
Die anschließende Frage-Antwort-Runde erwies sich als viel interessanter, denn Powell schlug hierbei unerwartet restriktive Töne an. Er verwies insbesondere darauf, seine persönlichen Wachstumsprognosen seit der Verabschiedung der Steuerreform, die eine beachtliche Zunahme der Binnennachfrage auslöste, nach oben korrigiert zu haben. Dieses Vertrauen in die Robustheit der US-Konjunktur wurde von den Anlegern als Anzeichen einer Wende zu einer restriktiveren Geldpolitik aufgefasst, die vier Leitzinsanhebungen in diesem Jahr glaubwürdig erscheinen lässt. Die Wahrscheinlichkeit dieser Annahme stieg von 24,4 % auf 35 %. Die langfristigen Zinsen stiegen ebenfalls und erreichten während des Auftritts von Powell einen Stand von 2,92 %.
Die Wahrnehmung wird durch den von Powell erwarteten Anstieg des Lohndrucks noch verstärkt. Bei seinem Auftritt vor dem Senat wies er jedoch darauf hin, dass die Mitglieder des Offenmarktausschusses keinerlei „Anhaltspunkte“ sähen, die das Szenario einer überhitzten US-Konjunktur befürchten ließen. Überdies wischte er die jüngste Rückkehr der Volatilität mit der Begründung beiseite, dass die Fed den Aktienmarkt nicht steuere, bestätigte aber zugleich, ein wachsames Auge auf die Reaktionen des Anleihemarktes zu haben.
Powell folgt somit der Linie, die Janet Yellen bereits zum Ende ihres Mandats vorgegeben hatte. Die Fed wird ihre Zinssätze zur Vermeidung von Not-Interventionen weiterhin schrittweise, aber regelmäßig anheben müssen. Unsere zentrale Annahme eines Szenarios mit vier Zinsanhebungen in diesem Jahr nimmt damit noch etwas schärfere Konturen an – lediglich eine jähe Reaktion des Anleihemarktes, die das Finanzsystem destabilisieren würde, könnte die US-Notenbank zur Änderung ihres Fahrplans veranlassen.