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Landshut, 05.07.2017 (Beitrag der epk media): Der Wirtschaftslehrer Joey Briglio von der Brookfield High-School, Ottawa, Kanada testet zusammen mit Kollegen an 29 Schulen der Provinz Ontario in einem Pilotprojekt einen neuen Lehrplan für die Finanzbildung. Für alle Schüler der zehnten Klasse soll das Fach „Career Studies“, in dem etwas Grundwissen über Volkswirtschaft, Buchhaltung und Haushaltsplanung vermittelt werden soll, ein Pflichtkurs werden. In dem Projekt, welches noch bis Ende des Schuljahres läuft, sollen die Schüler sich intensiver mit den eigenen Finanzen, um Einnahmen und Ausgaben, Sparen und Kredite und ihrer finanziellen Zukunft beschäftigen. „Wir haben bisher Lücken, wenn es um die Vermittlung von Finanzkenntnissen geht“, sagt der 36-jährige Wirtschaftslehrer Briglio. „Wir können mehr tun und den Unterricht verbessern. Es ist unsere Pflicht als Lehrer, den Schülern zu helfen, die notwendigen Fähigkeiten zu erwerben, ihre eigenen Finanzen zu managen.“

Als „wichtiges Merkmal einer gebildeten Bevölkerung“ wird in Kanada die Fähigkeit – international „financial literacy“ genannt – angesehen, wenn die Bevölkerung Kenntnisse und das Selbstvertrauen hat, um verantwortungsvolle Entscheidungen im Bereich Finanzen zu treffen. Die Schulen haben dabei eine Schlüsselfigur, über die die Provinzen die Hoheit haben – annährend gleich wie die deutschen Bundesländer.

Für Wohlstand und Wohlergehen wird als wichtige Grundlage die Finanzkompetenz in Kanada angesehen

Das Finanzwissen der Kanadier zu steigern ist ein wichtiges Anliegen der kanadischen Bundesregierung und der Regierungen der Provinzen. Der Bund hat nach der Finanzkrise eine Arbeitsgruppe ernannt, in ihrem im Dezember 2010 veröffentlichten Bericht definiert sie Finanzkompetenz als wichtige Grundlage für Wohlstand und Wohlergehen der Bürger und als ein Muss in der heutigen Welt.

Inzwischen beschäftigen sich öffentlich-rechtliche, private und gemeinnützige Organisationen miteinander an einer „Nationalen Strategie für Finanzkompetenz“. Gleichzeitig bemühen sich die Provinzen, Finanzkenntnisse verstärkt in die Lehrpläne einzubinden.

An kanadischen Schulen hat Wirtschaftskunde einen hohen Stellenwert, meistens ist es aber nur ein Wahlfach und damit freiwillig. In der Provinz Ontario ist Finanzbildung kein eigenes Unterrichtsfach, sondern in vielen Fächern integriert.

Hypotheken und Kreditkarten im Unterricht

In den sogenannten „Family Studies“ beschäftigen sich die Schüler mit Kreditkarten, deren Anbieter bis zu 20 Prozent Zinsen berechnen, oder den günstigeren Überziehungszinsen. Über die Entwicklung des kanadischen Sozialsystems nach dem zweiten Weltkrieg mit seinen verschiedenen Versicherungen informieren die Geschichtslehrer die Schüler. Im Kurs „Personal Life Management“ behandeln die Schüler die Themen Sparen für die Altersvorsorge, Immobilienhypotheken, Mieten oder die Abzahlung von Krediten.

Umgerechnet mehr als 2,1 Millionen Euro hat die Provinz Ontario seit 2011 laut dem Bildungsministerium bisher in die Entwicklung und Bereitstellung von Lehrplänen und die Weiterbildung von Lehrern im Bereich Finanzbildung bereitgestellt. Für die Entwicklung der Curricula ist das Ministerium zuständig, die Schulbehörden und Lehrer konzipieren die Unterrichtseinheiten und arbeiten die Unterrichtsmethoden heraus.

Im Sommer absolviert Jared Mihailov seinen Abschluss an der Brookfield High School. Der 18-Jährige hat seine Zulassung für das Studium im Fach Handel an der Carleton-Universität in Ottawa schon sicher. „Ich habe alle Wirtschaftskurse, die unsere Schule angeboten hat, belegt, und sie haben mir viel Spaß gemacht“, sagt Mihailov.

„Nötig wäre Finanzbildung als Pflichtfach!“

Mihailov regt an, dass die Lehrpläne nicht nur wie bisher allgemein Unternehmen und Volkswirtschaft zum Inhalt haben, sondern mehr über die Handhabung der persönlichen Finanzen. Hier sollten die Lehrpläne ergänzt werden und in den Pflichtfächern unterrichtet werden.

Die 17-jährige Sasha Codrington leitet an dem Lisgar Collegiate Institute in Ottawa, einer klassischen Highschool, einen Wirtschaftsklub.

In diesem Lisgar Collegiate Institute können die Schüler ihre unternehmerischen Fähigkeiten aufzeigen, indem sie sich auf Wettbewerbe vorbereiten und auch die Mechanismen der Börse kennen lernen, z.B. bei einem Börsenplanspiel, bei dem sie virtuelles Geld einsetzen sollen. Ein besonderes Interesse hat Codrington fürs Marketing, für ein Unternehmen vor Ort hat sie schon eine Anzeigenkampagne gestaltet.

Einen Teil ihrer Freizeit opfern die Jugendlichen, um sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Doch selbst die Schüler im Klub würden sich mehr Unterstützung für den Umgang mit den eigenen Fiananzen seitens der Schule erhoffen.

Quelle: epk media