Florian Müller – BÖRSENEINMALEINS

von Florian Müller, BÖRSENEINMALEINS

Die Niedrigzinspolitik der EZB hat nicht nur einen Einfluss auf den Aktienmarkt, sondern einen sehr gewichtigen auch auf die Versicherungsbranche. Den Fokus lege ich hier auf des Deutschen liebstes Kind, die Lebens- und Rentenversicherungen. Diese Versicherungen machen den Großteil des Umsatzes einer Versicherungsgesellschaft aus und sind am stärksten von der zukünftig negativen Entwicklung betroffen.

Was ist genau das Kernproblem?

Fakt Nummer 1 ist die vom Gesetzgeber reglementierte Anlagepolitik der Gelder in diese Sparformen. Einerseits müssen die Versicherungsgesellschaften einen Großteil der Gelder in mündelsichere Anlageformen investieren. Dies bedeutet eine Anlageform, bei der ein Wertverlust fast ausgeschlossen ist. Früher waren dies Bundesschatzbriefe und Bundesanleihen. Heute gibt es nur noch Bundesanleihen, die aber derzeit schon eine Negativrendite aufweisen. Andererseits müssen bei Altverträgen „garantierte Zinssätze“ von 3,5%-4% Zinsen an die Kunden ausgeschüttet werden. Hier entsteht eine erhebliche Diskrepanz zwischen dem, was der Versicherer am Kapitalmarkt an Rendite erzielt und den versprochenen Renditeleistungen.

Fakt Nummer 2 ist, dass die „garantierten Zinssätze“ schon seit Jahren fallen. Seit 1.1.2017 liegen wir bei 0,9% garantiertem Zins. Aber nicht einmal dieser Prozentsatz kann von der mündelsicheren Anlageform der „Bundesanleihen“ erwirtschaftet werden. Folge ist, dass die Versicherer nun Ihre Bewertungsreserven und Überschussbeteiligungen kürzen müssen, um die Altverträge bedienen zu können. Als letzte Instanz würden die Rücklagen der Versicherer heruntergefahren. Dies würde aber an die Substanz des jeweiligen Versicherungsunternehmens gehen. Ergo erhöht man die ohnehin intransparenten Kosten weiter und verschleiert diese in den AGBs. Hier eine kleine Auflistung

Welche Kosten sind vorhanden?

Abschlusskosten Alpha-Kosten
Laufende Verwaltungskosten Beta-Kosten
Anlagekosten Gamma-Kosten
Stückkosten Kappa-Kosten
Kosten der Fondsgesellschaft Kapitalanlagekosten

Alternative: Der Kunde bekommt ganz überraschend am Ende der Laufzeit deutlich weniger ausgezahlt, als er auf den jährlichen Vordrucken seiner Versicherungspolice augenscheinlich ausgewiesen bekommt. Ich habe hierzu ein ausführliches 50-seitiges E-Paper auf meinem Blog über die Kosten bei fondsgebunden Lebens- und Rentenversicherungen entworfen. Diese erhält man kostenlos mit der Eintragung seiner Email Adresse in der Sidebar. Zusätzlich bekommt Ihr noch meine wöchentlichen Newsletter rund um das Thema Börse, Aktien und aktuelles Marktgeschehen.

Weiter im Kontext: Die Margen der Versicherer werden zunehmend im Bereich dieser speziellen Policen deutlich sinken. Dies wird insbesondere auch die großen börsennotierten Versicherer treffen und deren Margen in diesen speziellen Bereichen schmälern. Auch wenn ein Teil der Gelder in lukrative Kapitalanlagen geht wie beispielsweise dem Aktienmarkt, werden keine langfristigen Renditen von 3%-4% erzielbar sein.

Was passiert, wenn die Niedrigzinspolitik weiter anhält?

Sollte die Niedrigzinspolitik der EZB weiter anhalten, könnte dieses Verlustgeschäft bei Lebensversicherungen für die Versicherer zu einem echten Problem werden. Ich nehme an, dass einige kleine Versicherungsgesellschaften nicht überleben werden, große Konzerne könnten dies durch andere lukrative Versicherungsbereiche abfedern, allerdings wären sie definitiv auch merklich betroffen. Kurz- bis mittelfristig sehe ich keine Chancen für steigende Zinsen und damit höhere Verzinsungen der mündelsicheren Anlagen.

Welche Auswirklungen sind zu erwarten?

Summa summarum wird einer der in der Vergangenheit sehr ertragreiche Versicherungsbereiche zu einem Pulverfass. Noch erzielen viele Konzerne Milliardengewinne und haben eine attraktive Dividendenrendite. Dies wird sich in Zukunft ändern, sollten sich nicht andere innovative Bereiche entwickeln, die diese Fehlentwicklung halbwegs kompensieren könnten. Das Eis wird definitiv dünner und die goldenen Jahre scheinen gezählt zu sein. Kurz- bis mittelfristig sehe ich noch ein wenig Potenzial nach oben. Zudem sind die Versicherer aufgrund der hohen Dividendenzahlungen immer noch interessant bei Privatanlegern. Wie die langfristige Entwicklung weitergeht, vermag ich nicht zu prognostizieren. Es wird ein schwieriges Unterfangen, neue Produkte zu konzipieren, die diese Verlustsparte auffängt. Es werden stürmische Zeiten kommen, sollte die Niedrigzinspolitik weiter anhalten. Der DAX startet im Gegenzug durch und wird bald sein neues Allzeithoch durchbrechen. Anbei mein neuer Focus Money Artikel zu diesem Thema.

Der Beitrag Die Versicherungsbranche im Zeichen der Niedrigzinsphase erschien zuerst auf BÖRSENEINMALEINS.