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„Lieblingsstatistiker“ bearbeitet durch Werner Rohmert, Hrsg. „Der Immobilienbrief“

Auf 5000 Jahre Finanzgeschichte bezog sich Andy Haldane, Chefökonom der Bank von England, vergangenes Jahr in einem Vortrag. Seit 500 Jahren gibt es belastbares Zahlenwerk. Bei anderer Risikostruktur ist jedoch evident, dass die Zinsen in historischen Zeiten allein schon auf Grund der Risikostruktur höher gewesen sein müssen. Schon nach „9/11“ waren die Zinsen historisch niedrig. Das führte zur Finanzkrise. Danach sprach die Branche von einer „Normalisierung“ des Zinsniveaus – Dank der Gnade des späten Markteintritts. Aber sie hatten Recht. Die „Zins-Normalisierung“ hat jetzt das niedrigste Niveau der Menschheitsgeschichte erreicht. Wie der Victor von JLL „aufzeigt“, bleibt das jetzige, zinsinduzierte Preisniveau von Core-Immobilien erhalten (s. S. 2). Diesmal ist es anders als in den letzten 5000 Jahren. Unser „Lieblingsstatistiker“ hat sich einmal mit der Zinsgeschichte beschäftigt. Sein Fazit: „Um es ein bisschen anzuspitzen: wir haben derzeit die tiefsten Zinsen, seit überhaupt Geld verliehen wird. Das scheint demnach das größte Finanzexperiment aller Zeiten zu sein. Spannend, in welcher Form wir aus der Nummer wieder herauskommen.“    

Es steht schon jetzt fest: das Jahr 2016 bringt bei den Zinsen den tiefsten Stand, den dieses Land je gesehen hat. Anhand der bisherigen Monatswerte ist ein Jahresdurchschnitt bei etwa 0,05 bis 0,1 Prozent zu erwarten. Langfristige Zinsen sind leicht im Minusbereich gelandet. Der massive Trend ist seit 1981 mit anfänglichen kräftigen Schwankungen intakt. Die heutigen deutschen Zinsen sind nicht ausschließlich eine Marotte der Europäischen Zentralbank oder von Herrn Draghi. Die längste Friedenszeit unseres Heimatlandes hat gewaltiges Kapital angehäuft. Die Kapitalnachfrage geht durch niedrigeres Wirtschaftswachstum zurück. Die Bevölkerung stagniert und altert. Noch stärker sind die Schweizer Sparer betroffen. Sie mussten das ganze Jahr 2016 „Strafzinsen“. Auch die Japaner leben schon seit der Jahrtausendwende mit historisch extrem niedrigen Zinsen von weniger als zwei Prozentpunkten. Gebracht hat es sichtbar nichts. Man weiß nur nicht, wie es in Japan mit „normalen“ Zinssätzen ausgesehen hätte.

Die Frage ist, ob es für die aktuellen, rekordniedrigen Zinsen historische Vorbilder gibt und was in ihrem Umfeld geschehen ist. , hat letztes Jahr bei einem Vortrag eine Grafik mit dem Versuch vorgelegt, die Zinsen seit rund 5.000 Jahren aufzumalen. (Quelle: Andy Haldane, Speech at Open University, 30 June 2015, Bank of England, 29 Juni 2015, http://www.bankofengland.co.uk /publications/Pages/speeches/2015/828.aspx). Es steht nicht dabei, auf welche Sätze und Länder er sich dabei genau bezieht, denn 3000 vor Christus gab es in England gar keine Finanzwirtschaft. Vermutlich meint er für diese Frühzeit Regionen wie Mesopotamien, wo Zinsgeschäfte auf Tontäfelchen damals belegt sind. Viele Zinsen scheinen tendenziell eher tief angegeben. Aber: so niedrig wie heute waren die Zinssätze noch nie.

Zurück nach Deutschland. So einen bedeutenden und traditionsreichen Finanzplatz wie Amsterdam oder London gab es in Deutschland früher nicht. Bis zur Reichsgrün dung 1871 den Zins in Preußen danach im Reich. 4,4 Prozent musste Vater Staat von 1807 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Schnitt bezahlen, wenn er bei seinen Bürgern Geld leihen wollte. Und unter drei Prozent fielen die langfristigen Sätze nie – also kein Vergleich mit heute. In der Rückschau (siehe Tabelle)  muss man dabei die Zeiträume um den Ersten Weltkrieg und die Hyperinflation 1923 herum und nach dem  Zweiten Weltkrieg weglassen, weil es dafür wenig und zudem nur irreführende Angaben gibt. Aber es verbleiben immerhin noch 184 Jahre Beobachtungszeitraum mit einem Durchschnittszinssatz von ziemlich genau fünf Prozent. Und niedriger als heute waren die Zinsen nie.

Geht man weiter in die Zins-Vergangenheit zurück, ist eins glasklar: lange Zeit und in vielen Ländern waren die Zinsen turmhoch. In unzuverlässigen Rechtssystemen oder beim Umgang mit mächtigen Fürsten als Schuldner mussten die Kreditgeber hohe Risikoaufschläge einbauen. Auch das Zinsverbot der Kirche trug nicht gerade zu florierenden Kapitalmärkten bei, von der Knappheit an Edelmetall namentlich bis zur Entdeckung Amerikas gar nicht zu reden. Dennoch gab es durchaus Plätze, wo zeitweise ein großes Angebot an Finanzkapital herrschte. Wie etwa in der Renaissance in der blühenden Hafenstadt Genua. Dort fielen die Zinsen von der Mitte des 16. Jahrhundert bis Anfang des 17. Jahrhunderts von deutlich über sechs Prozent fast auf ein Prozent, bevor sie ab 1620 wieder steil anzogen. Der Tiefpunkt ist noch ein Vielfaches des heutigen Niveaus. Erst dann machten sich einige Staatsbankrotte in Spanien und Frankreich unheilvoll bemerkbar. Zuvor hatte die Geldfülle genuesische Bankiers zu riesigen Geschäften mit den gekrönten Häuptern verlockt. Auch die Niederlande galten im 17. und 18. Jahrhundert als üppig mit Kapital ausgestattet. Die Bürger hatten im „Goldenen Zeitalter“ satt verdient und suchten nun sichere Anlagen, während der Kapitalnachfrager Staat in Holland relativ solide wirtschaftete. Kein Wunder, dass die Zinsen manchmal unter drei Prozent fielen, und 1672 sogar fast auf zwei Prozent. Blickt man auch auf andere Länder, stellt sich heraus, dass die Zone von zwei bis drei Prozent Zins für langfristiges Kapital bis in die Neuzeit meist so eine Art Untergrenze darstellte. Die USA testeten in den Zeiten während und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg mal eine Phase extrem niedriger Anleihezinsen aus. Damals war das sichere Amerika jenseits des Atlantiks die Sparkasse der Welt und schwamm förmlich im Geld.

Quelle: Der Immobilienbrief Nr. 386