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Landshut, 21.06.2016 – Wann erklimmt ein „guter“ Mensch den Heiligenstatus in der katholischen Kirche? Wenn jemand in größter Not diesen Heiligen um Hilfe bat und dieser etwas scheinbar nicht wissenschaftlich erklärbares Eintreten ließ. Dies wird streng kontrolliert und durch einen Advocatus Diaboli hinterfragt. Wobei die bekannten Selbstheilungskräfte eines Menschen nicht als wissenschaftlich belegt gelten.

Ähnlich verhält es sich in der Finanzwelt. Anleger und Investoren rufen Heilige und Propheten an, um die Zukunft zu erfahren und sich danach zu richten. Apropos anrufen: Eine solche Telefonaktion stand bei der Zeitung „Die Welt“ wie jedes Jahr auf dem Plan. Interessant sind die Fragen und Antworten, die immer nach dieser Anlegerhilfe abgedruckt werden. Zwei wollen wir kurz zitieren und Anmerkungen dazu abgeben.

Frage: Sehen Sie den Dax am Jahresende höher oder tiefer als heute?

Welt-Antwort: Unter der Voraussetzung, dass es nicht zu unvorhersehbaren politischen Krisen oder einer Wirtschaftsabschwächung kommt, hat der Dax unserer Meinung nach gute Aussichten. Bis zu 11.000 Punkte scheinen möglich.

Natürlich kann kein Marktbeobachter wissen, wie der DAX am Jahresende steht. Wir sprechen bei der Antwort also hier von einer fundierten Vermutung. Trotzdem hat der Antwortgeber absolut richtig gehandelt. Er hat die Antwort eingeschränkt. Zum einen wird der landläufige Begriff des DAX  meist für den sogenannten Performance-Dax verwendet. Das bedeutet, dass allein schon wegen der hinzuzurechnenden Dividenden und Erträgen ein Zuwachs erreicht wird. Und zum anderen sind unvorhersehbare Ereignisse omnipräsent. Sei es die Wahl von Donald Trump, sei es eine Wirtschaftskrise in Asien – speziell China – oder sei es ein sogenannter Schwarzer Schwan. Also: die Antwort stimmt immer.

Frage zum Thema Zinsen: Wie lange werden wir die Nullzinsen im Euro-Raum noch haben?

Welt-Antwort: Eine Zinswende ist in der Währungsunion derzeit nicht absehbar. Allerdings ist davon auszugehen, dass die Leitzinsen auch nicht mehr weiter gesenkt werden. Bei langfristigen Anlagen können wir kurzfristig noch leichte Zinsrückgänge sehen, weil die Europäische Zentralbank demnächst auch Unternehmensanleihen aufkaufen wird. Die Inflationsrate wird in den nächsten Monaten nur langsam anziehen, sodass aus heutiger Sicht auch im nächsten Jahr die Leitzinsen auf dem aktuellen Niveau bleiben dürften.

Ich bin zwar der gleichen Meinung wie der Antwortgeber, würde es aber darüber hinaus politisch begründen. Wir sind in einem politischen Markt, der nur noch wenig mit dem freien Markt zu tun hat. EZB und Regierungen manipulieren die Wirtschaftsentwicklung pseudolegal in ihrem Sinne, weil die Schulden ihnen sonst über den Kopf wachsen und die Staatshaushalte kollabieren. Wäre das der Untergang des Abendlandes? Nein, und es ist auch kein Platz für irgendwelche Verschwörungstheoretiker. Das Einzige, was passiert, ist eine Umverteilung von Privat- in Staatsvermögen, nicht aber von arm nach reich. Letzteres wird immer suggeriert, ist aber falsch. Und damit würde eine ganze Politikergeneration ihre Posten verlieren. Will aber keiner und deshalb werden die Zinsen lange Zeit niedrig gehalten, bis ein Staatsschuldenabbau eleganter realisiert werden kann.

Fazit: Die Antworten der Experten waren richtig und gut, aber auch politisch korrekt. So soll es auch sein. Tacheles hat „Die Welt“ dann wieder  im Beitrag „Das große Bluffen“ von Martin Greive am 12.06.16 geredet. Echt lesenswert.

Edmund Pelikan